Der niederländische Chemiekonzern Akzo Nobel hat mit einer Gewinnwarnung für das zweite Quartal die gesamte Branche in Aufruhr versetzt. Das Unternehmen kann den Preisanstieg nicht auf die Kunden abwälzen.
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Die Aktie des weltgrößten Farben- und Lackeherstellers verzeichnete den stärksten Kursrutsch seit mehr als zwei Jahren. In der Folge gaben auch die Papiere anderer Chemiekonzerne wie
Henkel oder
BASF an der Börse nach.
Die Chemiebranche profitiert momentan weltweit von der hohen Nachfrage aus Industriezweigen wie der Automobilbranche. Zum Jahresauftakt hatten viele Konzerne ihre Ziele angezogen. Auch Akzo Nobel hatte noch im ersten Quartal – ähnlich wie
BASF, Dow Chemical oder andere Chemiekonzerne – einen starken Start hingelegt. Der Konzernumsatz stieg um 16 Prozent auf 3,8 Mrd. Euro.
Nun scheinen die hohen Rohstoffpreise dem Aufschwung einen Dämpfer zu verpassen. Anders als bei der Präsentation des ersten Quartalsberichts in April angekündigt, ist es Akzo Nobel nicht gelungen, die höheren Herstellungskosten an die Kunden weiterzugeben.
Im April rechnete das Unternehmen noch mit Rohstoffkosten, die um fünf Prozent über dem Vorjahr liegen würden. Finanzvorstand Keith Nichols war davon überzeugt, dass er das durch die starke Position auf vielen Märkten auf die Kunden abwälzen könne. Inzwischen erwartet Akzo Nobel jedoch eine Kostenerhöhung von 20 Prozent für das Gesamtjahr.
„Von den dramatischen Preissteigerungen sind alle Lacke- und Farbenhersteller betroffen“, sagt Dietmar Eichstädt, Hauptgeschäftsführer beim Verband der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie, der die Interessen von Herstellern wie
BASF, DuPont, Clariant und Akzo vertritt. „BASF schickt beinahe jede Woche Preiserhöhungsschreiben an seine Kunden. Die Unterschiede zum Vorjahr sind gewaltig. Die Preise haben sich im Schnitt verdoppelt“, sagt Eichstädt. Die Kosten der Rohstoffe seien zum Teil noch extremer gestiegen – für Epoxidharze etwa allein seit Anfang des Jahres um 85 Prozent.
Die Kurse vieler europäischer Chemiekonzerne sackten nach der Gewinnwarnung ab. Akzo-Nobel-Papiere brachen in Amsterdam bis zu elf Prozent ein.
BASF bestätigte nach der Mitteilung des Rivalen noch einmal seinen Ausblick von Mai, im Gesamtjahr ein signifikantes Umsatzwachstum zu erzielen. Die Anleger zeigten sich dennoch skeptisch, und die Aktie gab ein Prozent nach. Henkel-Anteilscheine verloren 2,4 Prozent.
Zuletzt hatte die Akzo-Konzernführung noch einen rund fünfprozentigen Umsatz- und Ergebniszuwachs für das Gesamtjahr in Aussicht gestellt. Für das zweite Quartal erwartet das Unternehmen nun einen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) von 550 Mio. Euro – 64 Mio. weniger als im Vorjahresquartal. Akzo-Nobel-Chef Hans Wijers rechnet für 2011 nur noch mit einem operativen Ergebnis mindestens auf Vorjahresniveau. Das betrug 2010 gut 1,2 Mrd. Euro.

Die Rohstoffkosten machen bei Lacken und Farben 50 bis 60 Prozent der Herstellungskosten aus. Besonders Titandioxid, das weiße Farbpigment in Wandfarben, ist knapp. Außer den Farb- und Lackherstellern brauchen es vor allem die Papier- und Kunststoffindustrie. Der Weltbedarf liegt bei fünf Millionen Tonnen. „Zu Zeiten der Wirtschaftskrise und danach hat kein Mensch in Anlagen investiert. Jetzt sind viele ausgefallen, und es dauert drei bis fünf Jahre, bis neue stehen“, sagt Eichstädt. „Wir wissen überhaupt nicht, wie das weitergeht und wann sich der Weltmarkt erholt.“
Zentrum der Produktion ist China. Akzo Nobel hatte erst zu Anfang des Monats bekannt gegeben, bis 2014 eine neue Titandioxidanlage mit 100 000 Tonnen Jahresproduktion im Süden der Volksrepublik zu bauen.
Die Niederländer erwarten, dass die Preise für Rohstoffe bereits im dritten Quartal weniger schnell steigen werden. „Wir bleiben optimistisch, dass wir in der zweiten Hälfte des Geschäftsjahres Margenverbesserungen sehen werden“, sagte Akzo-Nobel-Finanzvorstand Nichols.
„Wir sind auf Kurs, was unsere mittelfristigen Wachstumsziele angeht“, bestätigte der scheidende Geschäftsführer Wijers. Nach der Hauptversammlung 2012 übernimmt für ihn Ton Büchner, bisheriger Geschäftsführer des Schweizer Industriekonzerns Sulzer. Wijers hatte im April angekündigt, den Konzernumsatz innerhalb der nächsten fünf Jahre durch organisches Wachstum auf 20 Mrd. Euro ausbauen zu wollen.
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