Nach mehreren gescheiterten Versuchen will Russland nun über das Bundeskanzleramt Zugriff auf den Chipkonzern
Infineon bekommen. Präsident Dmitri Medwedew und Premier Wladimir Putin haben in Gesprächen mit Angela Merkel hartnäckig insistiert, dass der russische Mischkonzern Sistema bei
Infineon mit 29 Prozent einsteigen darf.
Das Kanzleramt hat sich daraufhin nach FTD-Informationen bereit erklärt, als Vermittler aufzutreten. Merkel habe das Ansinnen grundsätzlich positiv aufgenommen und zugesichert, Gespräche mit dem Konzern erleichtern zu wollen. Die Kanzlerin hat ihren Wirtschaftsberater Jens Weidmann beauftragt, die Lage bei
Infineon zu sondieren. "Druck werden wir aber nicht aufbauen", versicherte ein Regierungsvertreter.
Russen "stinksauer"
Die Russen versuchen seit Langem, ihre Wirtschaft stärker mit der deutschen Industrie zu verzahnen. Sie werben seit Jahren um den Dax-Konzern mit 25.000 Mitarbeitern und zuletzt 3 Mrd. Euro Umsatz, sind aber immer abgeblitzt. Nachdem die russische Sberbank mit dem Versuch gescheitert war, beim Autobauer Opel einzusteigen, seien die Regierenden in Moskau "stinksauer", so ein Insider.
Nun beharrt der Kreml auf einem Einstieg bei
Infineon. "Es ist der Wunsch Putins, an unsere Technologie zu kommen", sagte ein Infineon-Manager der FTD. Die Russen könnten Infineons Know-how für den Aufbau eines eigenen Navigationssatellitennetzes dringend gebrauchen. Das Glonass-Netz des russischen Militärs soll kommerziell nutzbar gemacht und zu einem Rivalen des US-Systems GPS ausgebaut werden.
Die Infineon-Spitze hält dies für vorgeschoben. Viel interessanter für die Russen seien Infineons Pass- und Verschlüsselungstechnik, die sich auch militärisch nutzen ließen, so die Vermutung. Einen Sistema-Einstieg betrachtet der Konzern als Sicherheitsrisiko.
Widerstand der Konzernspitze
Theoretisch könnten die Russen auch ohne den Segen der Bundesregierung und des Managements versuchen, die Kontrolle bei
Infineon zu übernehmen. Eine Zustimmung Berlins wäre gemäß Außenwirtschaftsgesetz erst ab einem Anteil von 25 Prozent nötig, der Aktienbesitz des Konzerns ist breit gestreut. Doch die Russen scheuen einen "feindlichen Einstieg" aus politischen Gründen.
In Berlin fragt man sich, warum die Russen gleich einen großen Infineon-Anteil anstreben. Die offiziell geäußerten Ziele seien auch mit einer Kooperation erreichbar, etwa über ein Joint Venture.
Im Infineon-Aufsichtsrat trifft Berlins Engagement auf Erstaunen. "Ein Einstieg von Sistema kann nicht im Interesse von
Infineon sein. Das schränkt jede Expansionsmöglichkeiten im Westen ein", heißt es. Der Konzern wäre derzeit wegen des Branchenbooms erstmals seit Jahren zu größeren Zukäufen in der Lage.
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