Das teilte
Bayer auf Anfrage mit und bestätigte damit eine entsprechende Mitteilung der konzernkritischen Organisation "Coordination gegen Bayer-Gefahren" (CBG). Die Stellen sind nicht Teil des im Herbst bekannt gegebenen konzernweiten Abbauprogramms, bei dem weltweit 4500 Jobs gestrichen werden. Sie kommen unabhängig davon noch hinzu, wie eine Unternehmenssprecherin sagte. Das Multiple-Sklerose-Medikament Betaferon brachte dem
Bayer-Konzern voriges Jahr gut 1,2 Mrd. Euro ein und überholte damit die Verhütungsmittel Yasmin/Yaz als umsatzstärkste Produktgruppe des größten Bayer-Teilkonzerns
Bayer Healthcare (Medizin).
Was für Bayers US-Arbeitnehmer ein Schlag ist, kann Boehringer als Erfolg für sich verbuchen. Das Familienunternehmen aus Ingelheim am Rhein betreibt eine eigene Sparte, die Auftragsproduktion für Drittfirmen erledigt. Schon jetzt produziert es für
Bayer das Betaferon für den europäischen Markt - und sollte eigentlich schon vor Jahren die weltweite Produktion übertragen bekommen.
Dass es anders kam, liegt an den Fusionen des Jahres 2006. Der Fall demonstriert damit nebenbei, welche Komplikationen durch Auslagerungsprozesse entstehen können. Betaferon - in den USA als Betaseron vertrieben - war ursprünglich ein Produkt des Berliner Medikamentenkonzerns Schering. Schering hatte Boehringer Ingelheim die Europa-Produktion übertragen, dem Biotechunternehmen Chiron hingegen die Herstellung für Amerika. 2006 übernahm
Bayer dann Schering, während
Novartis Chiron erwarb. Spezielle Vertragsklauseln ("Change-of-Control-Klauseln") gaben
Bayer das Recht, sich die Chiron-Produktion in Emeryville zu sichern.
Es folgte ein längerer Konflikt zwischen
Bayer und
Novartis um Produktionsrechte und Umsatzbeteiligungen. Am Ende einigten sich beide Seiten darauf, dass
Bayer das kalifornische Werk für sechs Jahre leaste. Emeryville stellt dabei nicht nur Bayers Multiple-Sklerose-Produkt Betaseron her, sondern auch die Novartis-Version Extavia.
Anfang Mai dieses Jahres erteilte die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA die Zulassung für das von Boehringer Ingelheim hergestellte Betaferon. Das bewog
Bayer dazu, die Produktion in Emeryville aufzugeben. "Kosten und Wettbewerbsdruck steigen", resümierte Jörg Heidrich, weltweiter Chef für Biotechproduktion bei
Bayer Healthcare. Die neue Strategie mache sich die Expertise eines erfahrenen Auftragsherstellers zunutze und ermögliche
Bayer mehr Flexibilität.
Multiple Sklerose ist eine schwere und unberechenbare Nervenkrankheit. Sie kann, in Schüben auftretend, die Sehkraft schwächen, Menschen in den Rollstuhl bringen und die Lebenserwartung verringern. Boehringer Ingelheim produziert Betaferon am Stammsitz Ingelheim sowie in Österreich. Mit Auftragsproduktion erzielte der hinter
Bayer zweitgrößte deutsche Pharmakonzern im vergangenen Jahr 422 Mio. Euro Umsatz, etwa drei Prozent der Konzernerlöse. Das Unternehmen stellt zum Beispiel auch das Krebsmittel Erbitux für
Merck her. Dieser Darmstädter Konzern ist wiederum direkter Bayer-Konkurrent im Geschäft mit Multiple-Sklerose-Präparaten - produziert diese Mittel aber anders als
Bayer selbst.
Wie viel
Bayer mit der Aufgabe Emeryvilles spart, ließ der Konzern am Montag offen. Ob
Novartis den Standort Emeryville weiternutzen wird, ist ebenfalls offen. Das Unternehmen war am Montag nicht zu einer Stellungnahme zu erreichen. Die CBG warf
Bayer eine "Hire-and-Fire"-Mentalität trotz hoher Profitabilität vor.
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