Daimler-Mitarbeiter hatten bislang ein Regelwerk von bis zu 1800 Vorgaben zu beachten. Das lähmt den Konzern. Der Autobauer startet eine Gegenbewegung.
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Der Autobauer
Daimler geht gegen die ausufernde Masse von Vorschriften für seine Mitarbeiter vor. "Wir haben uns im vergangenen Jahr auf den Weg gemacht, die Regelwerke zu entschlacken", sagte Christine Hohmann-Dennhardt, Vorstand für Integrität und Recht, der FTD. Zu ihrem Amtsantritt habe sie insgesamt 1800 bestehende Regeln vorgefunden. "Wir haben die Zahl mittlerweile auf knapp 1000 verringert. Und wir sind noch längst nicht am Ende."
Regelungswut ist ein ernstes Problem deutscher Konzerne, weil sie Entscheidungen häufig kompliziert und langwierig macht. Zuletzt haben Korruptionsaffären die Situation weiter verschärft: Unternehmen erlassen immer neue Vorschriften aus Angst vor Strafverfolgung - und die Mitarbeiter halten sie penibel ein, um juristisch abgesichert zu sein. In der Folge lähmen sich Konzerne. So entgingen
Daimler Fahrzeugverkäufe, weil Mitarbeiter vor ihrer Unterschrift Rücksprache mit der Compliance-Abteilung hielten. Bis sie fertig waren, hatten Rivalen den Auftrag erhalten.
Nun macht sich der Stuttgarter Konzern zum Vorreiter einer Bewegung, die den Trend umkehrt. "Manche Unternehmen fragen sich, ob sie nicht übers Ziele hinausgeschossen sind", sagte Carsten Thiel von Herff von der Kanzlei Streitbörger Speckmann. Er arbeitete bis 2009 in der neu gegründeten Compliance-Abteilung von
Siemens. Als Ex-Verfassungsrichterin Hohmann-Dennhardt vor einem Jahr bei
Daimler begann, fand sie einen Richtliniendschungel vor. So gab es für die Fahrzeugnutzung einander überlappende Vorschriften. Vereinfachen ließ Hohmann-Dennhardt auch ein Sammelsurium an unterschiedlichen Richtlinien für die IT-Sicherheit. "Sicherheitsdenken führt dazu, alles in Regeln gießen zu wollen", sagte sie.
Künftig soll es bei dem Unternehmen weniger detailverliebte Vorschriften geben. Ziel ist ein Rahmen zur Orientierung, etwa für kleine Aufmerksamkeiten im Geschäftsleben. Eine Regel laufe fehl, wenn jemand moniere, dass ein Blumenstrauß 30,50 Euro kostet, obwohl die Richtlinie nur 30 Euro zulässt. "Bei Geschenken darf nicht der Eindruck entstehen, dass man etwas bewirken will außer einer Freundlichkeit", sagte Hohmann-Dennhardt.
Nach den Vorstellungen der Managerin sollen Beschäftigte eigenverantwortlicher handeln. "Es ist der innere Kompass, den wir stärken wollen." Sie räumte ein, dass ein langer Weg vor ihr liegt: "Das kriegt man nicht auf Knopfdruck hin." Hans-Jürgen Stephan, Chef des Risikoberaters Control Risks, sieht das ähnlich. "Dass es flächendeckend zu einer Entschlackung von Regelwerken in Unternehmen kommt, sehe ich noch nicht", sagte der Compliance-Experte. Das Sicherheitsdenken sitze tief.
Gerade
Daimler darf sich einen laxen Umgang mit entsprechenden Regeln nicht erlauben. Wegen Bestechung hatte der Konzern 2010 in den USA 185 Mio. Dollar Strafe gezahlt und wurde unter Beobachtung der Behörden gestellt. Käme es zu neuen Skandalen, drohten dem Autobauer existenzbedrohende Nachteile auf dem wichtigen US-Markt.
Druck macht der von der US-Börsenaufsicht als Kontrolleur eingesetzte Ex-FBI-Chef Louis Freeh. Er soll Fortschritte in der Korruptionsbekämpfung überwachen und hat auch in seinem zweiten Bericht mehrere Kritikpunkte aufgelistet. Hohmann-Dennhardt bleibt trotzdem zuversichtlich. "Louis Freeh hat uns im Sommer große Fortschritte attestiert, aber auch Hinweise gegeben, wo wir aus seiner Sicht noch nachschärfen können."
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