„Rette sie, oder weh dir!“ So droht Faust dem Mephisto in der Szene, die Goethe in seinem Opus magnum „trüber Tag“ nennt. Das Ende ist bekannt. Gretchen lässt sich nicht mehr retten, es ist zu spät. Die Versuche Fausts sind vergebens, trotz aller Assistenz des Teufels, der schließlich ob der gegnerischen Übermacht die Waffen strecken muss. Ähnlich dürfte es bei den Griechen sein, denen das Abendland die Tragödie überhaupt verdankt. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass es gar nicht so sehr um das verlorene Gretchen als vielmehr um Faust geht, der ebenfalls droht in dem Strudel unterzugehen. Aber der stets geistesgegenwärtige Teufel schleppt den Faust mit sich fort ins nächste Abenteuer.
Im heutigen Europa ist es ähnlich. Wer Täter und wer Opfer ist, verschwimmt. Viele Beteiligte geben eine unglückliche Figur ab. Was kann der Anleger aus dieser Harlekinade lernen? Einen Bogen um derartige Probleme machen und sich strikt an das halten, was man verstehen kann! Die Politik ist ein weites Feld und nach Bismarck die Kunst des Möglichen. Da sieht es in der Welt von Wirtschaft und Börse anders aus. Dort geht es um Interesse und Vorteil, womit sie halbwegs prognostizierbar wird. Private Unternehmen wollen wertvoller werden. Entsprechend legen im Laufe von Jahren die Kurse unter Schwankungen zu. Kluge Investoren lernen, wie man mit Schwankungen umgeht und sogar davon profitiert. Entsprechend hatte ich im Februar von „drehenden Winden“ geschrieben. Tatsächlich ist die ungewöhnlich kräftige Börsen-Hausse, die im Frühjahr 2009 ihren Ursprung nahm, inzwischen von einer – überfälligen – Korrektur heimgesucht worden. Auslöser der gegenwärtigen Marktbereinigung ist der Eindruck, dass der Konjunkturerholung in den USA die Puste ausgeht. Die makroökonomischen Zahlen der vergangenen Wochen fielen für die USA mager aus. Weder der Immobilien- noch der Arbeitsmarkt zeigen Zeichen substanzieller Verbesserungen. Da Europa
über keine eigenständige Börsenkultur verfügt, kam es auch hier zu korrektiven Rücksetzern. Das Griechenland-Chaos tat sein Übriges. Und auch aus Asien werden konjunkturelle Bremsspuren sowie inflatorische Sorgen gemeldet.
Wichtig ist, dass durch die Korrektur viele Aktien wieder akzeptable Bewertungsniveaus aufweisen. Selbst wenn man von einer Abflachung des konjunkturellen Wachstumspfads
ausgeht, lassen sich doch manche Kaufgelegenheiten identifizieren. Es ist vorstellbar, dass die konjunktursensiblen Aktien in der nächsten Börsenphase nicht mehr an der Spitze der Börsenkarawane stehen, jedoch gibt es andere Branchen, die bislang weniger gefragt waren. Hierzu zählen der Einzelhandel, das Gesundheitswesen und der Dienstleistungssektor. An der Feststellung, dass Aktien unter den Langfristanlagen kaum eine Alternative besitzen, hat sich in den vergangenen Monaten nichts geändert. Nicht wenige Aktien weisen Dividendenrenditen auf, die höher als die Kupons lang laufender Staatsanleihen liegen. Und die Unternehmen profitieren ihrerseits enorm von den niedrigen Refinanzierungszinsen. Hauptprofiteur auf weltweiter Basis bleibt die deutsche Wirtschaft. Ohne die Strukturprobleme von Amerikanern und Japanern zu besitzen, profitiert die Wirtschaft von einem guten Wirtschaftszyklus, niedrigen Zinsen und akzeptablen Währungskursen. Und die Hauptlast der Euro-Probleme wird von den Steuerzahlern und den Festzinssparern geschultert.

CHRISTOPH BRUNS ist seit 2004 Partner und Fondsmanager
beim Investmenthaus LOYS.
Zuvor leitete er das Aktien-Fondsmanagement
bei Union Investment.
Seit 2002 lebt
Bruns in Chicago, von wo aus er regelmäßig
für BÖRSE ONLINE über die
aktuellen Entwicklungen am Aktienmarkt
schreibt.
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