CHRISTOPH BRUNS ist seit 2004 Partner und Fondsmanager
beim Investmenthaus LOYS.
Zuvor leitete er das Aktien-Fondsmanagement
bei Union Investment.
Seit 2002 lebt
Bruns in Chicago, von wo aus er regelmäßig
für BÖRSE ONLINE über die
aktuellen Entwicklungen am Aktienmarkt
schreibt.
Die Börsenhausse feiert in wenigen Tagen ihren zweiten Geburtstag, das ist für Bullenmärkte bereits ein fortgeschrittenes Alter. In der Luft liegt nun eine Wetter- umstellung. Während der vergangenen Wochen haben sich nämlich wichtige Veränderungen an den Finanzmärkten ergeben. Mittlerweile wird die Börsenhausse weltweit akzeptiert, das Vertrauen in die Aktienmärkte ist zurückgekehrt. Hinzu kommt, dass die großen Kapitalsammelstellen bislang zu wenig in Aktien investiert sind und sich nun gezwungen sehen, ihre Aktienquoten anzuheben. Genährt wird die Hausse inzwischen also vor allem durch Liquidität und Eigendynamik, nicht länger aber durch Unterbewertung.
Ebenso ist das Geschwätz von der Deflation in den Hinter- grund getreten. Lediglich die amerikanische Notenbank Fed beschwört dieses Szenario noch, um ihre kolossalen Staats- anleihenkäufe zu rechtfertigen. Dabei wird immer sichtbarer, dass Inflation ante portas steht und die größte Bedrohung der Anlegervermögen darstellt. Mit dieser Erkenntnis verschiebt sich die Sichtweise auf den Anleihemarkt, der sich bis vor we- nigen Monaten in einer 30 Jahre andauernden Jahrhundertrally befand. Hier ist inzwischen eine Drehung erfolgt, die sich im Rückblick einmal als historische Zeitenwende herausstellen könnte. Die Gefahr eines kräftigen Kurseinbruchs ist am Bondmarkt durchaus gegeben. Doch nicht nur für Anleihefans, auch für Aktienanleger bedeutet dieses Szenario nichts Gutes. Denn es gilt immer noch der bekannte Zusammenhang: Je höher die Zinsen steigen, desto weniger sind Aktien wert. Eine Abkoppelung von dieser ehernen Wahrheit ist noch unwahr- scheinlicher als die immer wieder in die Diskussion gebrachte Abkoppelung der Weltbörsen von der Wall Street.
Damit nicht genug Gefahren. Längst nicht alle Aktien sind heute noch günstig bewertet. Die starken Kursaufschläge der vergangenen zwei Jahre sind nicht ohne Auswirkungen auf die Bewertungen geblieben. Wenngleich die Gewinnzahlen nach der überwundenen Rezession mitunter enorm zugelegt haben, konnten die Kurszuwächse damit gut mithalten. Deshalb heißt es jetzt: Bei der Aktienauswahl müssen Anleger auf der Hut sein. Insbesondere hoch verschuldete Unternehmen könnten steigende Zinsen unangenehm zu spüren bekommen. Ihre Finanzierungskosten dürften kräftig steigen. Folglich wird die Bilanzanalyse bedeutend wichtiger.
Es sind jedoch noch etliche Unternehmen auszumachen, deren Bilanzen derzeit extrem stark sind und die sogar Netto- kassepositionen aufweisen. Solche Titel würden von anziehen- den Zinsen sogar profitieren und im Finanzergebnis deutlich zulegen können. Positiv ist auch die anhaltende konjunkturelle Verbesserung, an der diese Unternehmen überdurchschnittlich partizipieren. Denn die Haupterkenntnis der vergangenen fünf Jahre ist doch diejenige, dass gute Unternehmen als Gewinner aus der Krise hervorgehen. Hohe Flexibilität und gutes Kostenmanagement haben dazu entscheidende Beiträge geliefert.
Erfahrungsgemäß wird es an der Börse immer wieder zu Korrekturen kommen. Hier liegt die Chance, derartige starke Aktien beherzt aufzufangen und ihre Positionen im eigenen Depot kräftig aufzustocken.
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