Christoph Bruns ist seit 2004 Partner und Fondsmanager beim
Investmenthaus Loys. Zuvor leitete er das Aktienfondsmanagement
bei Union Investment. Seit 2002 lebt Bruns in Chicago, von wo aus
er regelmäßig für BÖRSE ONLINE über die aktuellen Entwicklungen
am Aktienmarkt schreibt.
Die Rezession ist beendet. Seit März 2009 fließt diese Erkenntnis bereits vorausschauend in die Aktienkurse ein. Von den Fakten wird die Fantasie inzwischen bestätigt. Besonders das erste Quartal 2010 dürfte extrem starke Unternehmensergebnisse im Vergleich zum Vorjahr zutage fördern. Nach wie vor ist die Skepsis gegenüber der Aktienanlage die dominante Geisteshaltung bei privaten und institutionellen Anlegern. An der bislang schwachen Annahme geplanter Neuemissionen ist die skeptische Haltung – national wie international – gut abzulesen.
Wenngleich die Rezession überwunden ist, bleiben die strukturellen Probleme weitgehend ungelöst. Die enormen Ungleichgewichte im Welthandel bestehen ebenso fort wie die asymmetrische Risikoverteilung bei großen Finanzinstituten. Dass Griechenland es mit seinen Bilanzen nicht so genau nimmt, ist alles andere als neu. Wo wirtschaftliche Fragen nicht ökonomisch, sondern politisch beantwortet werden, müssen die Konsequenzen solchen Tuns hingenommen werden.
Nach Börsenkrach und anschließender Erholung befinden sich die Aktienmärkte in einer Normalisierung. Im nächsten Schritt kommt es darauf an, wie sich die Unternehmensergebnisse in den kommenden Quartalen von den rezessionsbedingten Einbrüchen erholen werden. Sperrfeuer dürfte aber gelegentlich aus der volkswirtschaftlichen Ecke aufflammen. Die Griechenland-Hysterie mit entsprechendem Euro-Abverkauf liefert einen Vorgeschmack auf weitere makroökonomische Eventualrisiken. Der kluge Investor weiß jedoch, dass derartige Irritationen bisweilen zu attraktiven Einstiegskursniveaus bei einzelnen Aktien führen.
Mental müssen sich die Börsianer auf steigende Notenbankzinsen einrichten. Wichtiger als die kurzfristigen Leitzinsen sind jedoch die langfristigen Zinsraten, denn die Langfristanlage Aktie wetteifert im Wesentlichen mit langfristigen Staatsanleihen um die Gunst der Anleger. Manches spricht dafür, dass viele Marktteilnehmer angesichts der jüngsten Kursanstiege dem Aktienmarkt künftig wieder mehr Aufmerksamkeit widmen werden.
Wenn der Schalter von gefühlter Bärenmarktrally endgültig auf Börsenhausse umspringt, sind liquiditätsgetriebene Kursanstiege unausweichlich. Dann muss mit besonderer Spannung der Markt für Neuemissionen beobachtet werden. Bislang herrscht dort zum Verdruss von Private-Equity-Gesellschaften und Emissionsbanken noch weitgehend Ebbe. Über die Börsenreife der Investoren sagt diese Entwicklung viel Gutes aus. Die Zeiten sind vorläufig vorüber, in denen Neuemissionen als Geschenke an die Anleger gedeutet werden. Solange wir fern einer allgemeinen Börseneuphorie sind, werden Angebot und Nachfrage dafür sorgen, dass etwaige Neuemissionen nicht zu überzogenen Preisen an den Markt kommen werden. Im Ganzen sieht es derzeit so aus, als könnten die Aktienbörsen ihren Steigflug weiter fortsetzen.

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