Im Mai hatte ich an dieser Stelle die alte Regel „Sell in May and go away“ hervorgekramt. Schon damals schien es klar, dass uns ein volatiler Spätsommer bevorstehen dürfte. Aber so volatil? Ich kenne wenige, die eine so starke Korrektur an den Märkten tatsächlich erwartet haben. Enttäuschende Frühindikatoren sowie endlose Debatten über die Schuldenkrise auf beiden Seiten des Atlantiks belasteten die Märkte. Wichtige technische Widerstände wurden geknackt, was weitere Kursverluste nach sich zog. Wie stark das Vertrauen der Anleger gelitten hat, verdeutlicht, dass die Euro-Märkte seit Jahresanfang mehr als 20 Prozent verloren haben.
Jetzt schaffen die Märkte Fakten. Je länger die hohe Börsenvolatilität anhält, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der kommende Abschwung noch unangenehmer wird: Unternehmenschefs blicken fassungslos auf Kurse, die so gar nichts mit dem aktuellen Geschäft zu tun haben. Das Resultat: Planungen und vor allem Ausgaben für 2012 werden jetzt überprüft und zusammengestrichen. Damit schließt sich der Kreis, der Abschwung rückt näher. Wie heftig er wird, hängt davon ab, wie stark Unternehmen ihre Aktivitäten und Konsumenten ihre Ausgaben einschränken werden. Auf Unterstützung durch den Staat sollte niemand hoffen, und auch von den Zentralbanken ist Hilfe kaum zu erwarten. Deren Handlungsfähigkeit ist zu stark eingeschränkt. Hinzu kommen die vollkommen verschiedenen Auffassungen darüber, mit welchen Mitteln man der Krise begegnen sollte. So ist etwa die deutsche Sparhaltung den angelsächsischen Anlegern kaum zu vermitteln. Unter diesen Voraussetzungen dürfte ein Ende der Verschuldungskrise länger auf sich warten lassen, als uns Anlegern lieb ist. Mit Ausnahme von deutschen Bundesanleihen werden internationale Anleger wohl weiterhin einen Bogen um Anleihen aus Euroland machen. Zu chaotisch wirkt das Schauspiel, das wir in Europa aufführen. Abhilfe kann nur eine Entscheidung schaffen, wie es im Euro-Raum weitergeht. Setzt die Kanzlerin ihre harten Regeln durch, dürfte das Vertrauen wieder zurückkehren. Bis dahin drohen Volatilität und möglicherweise tiefere Kurse.
Die Analysten haben noch nicht einmal angefangen, ihre Gewinnerwartungen nach unten anzupassen. Erst wenn das geschehen ist, drehen Aktienmärkte gewöhnlich. Bis dahin sollten sich Anleger eine Liste mit Unternehmen zusammenstellen, die nicht zu sehr von den europäischen Inlandsmärkten abhängen, nicht zu stark reguliert sind, eine niedrige Verschuldung aufweisen oder – noch besser – Cash haben und über eine gute, steigerungsfähige Dividende verfügen. Davon findet man in Europa einige. Schwieriger ist es, den richtigen Einstiegszeitpunkt zu wählen. Vieles ist bereits eingepreist, vor allem die europäischen Aktienmärkte sind so günstig wie seit Langem nicht mehr. Insbesondere deutsche Blue Chips haben unter dem Abzug ausländischen Kapitals gelitten. Dabei sind die Unternehmen auf einen Abschwung gut vorbereitet. Sie haben niedrigere Schulden als 2008, weniger Lagerbestände und höhere Margen. Wer jetzt den Mut aufbringt, sich zu engagieren, und kurzfristig Schwankungen an den Börsen aushalten kann, dürfte dafür belohnt werden. Das Signal zum Einstieg könnten diesmal Unternehmen wie
Siemens geben. Sie sitzen auf viel Bargeld und warten nur auf günstige Übernahmechancen.

HENNING GEBHARDT ist bei Deutschlands größter Fondsgesellschaft DWS Investment der
Experte für deutsche und europäische Aktien.
In seiner Kolumne in BÖRSE ONLINE schreibt der Fondsmanager über die neuesten Trends am deutschen und europäischen Aktienmarkt.
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