Während draußen der schönste Frühling seit über 100 Jahren die Menschen begeistert, beschert das Börsenwetter den Anlegern Hagel, Blitz und Donner. Einige Investoren stellen sich deshalb die Frage, ob sie das alte Börsensprichwort „Sell in May and go away“ befolgen sollten. Wirft man einen Blick in die Zukunft und auf die Themen, die uns den Sommer über aller Erwartung nach beschäftigen dürften, so spricht einiges für eine eher schwierigere Marktphase. Die seit einem Jahr schwelende Verschuldungskrise hat sich in den vergangenen Wochen noch einmal verschärft. So zweifelt inzwischen kaum noch jemand, dass Griechenland eine Umschuldung vornehmen muss. Stattdessen werden inzwischen nur noch die Umstände und der Zeitpunkt dieser Umschuldung diskutiert. Die daraus resultierenden Konsequenzen insbesondere für den ohnehin schon unter Druck stehenden Finanzsektor sind unklar. Auch wenn Griechenland, Portugal und Irland zusammen nur die Wirtschaftskraft von Nordrhein-Westfalen haben, so hat die weitere Entwicklung enorme Auswirkungen auf alle anderen hoch verschuldeten Länder. Schon jetzt ist klar, dass viele Länder enorme Anstrengungen unternehmen müssen, um ihre Verschuldung wieder in den Griff zu bekommen. Jeder Versuch, die strukturellen Defizite zu verringern, hat Auswirkungen auf das Wachstum der betroffenen Länder. Wie weitreichend die Veränderungen in einer Volkswirtschaft dann sein können, kann man exemplarisch in Ungarn erkennen.
Mit der Frage, wie die Verschuldung in den Griff zu bekommen ist, quälen sich auch die amerikanische Regierung und Zentralbank herum. In den USA hat die Diskussion über den richtigen Zeitpunkt eines Richtungswechsels schon begonnen. Standard & Poor’s hat zuletzt über die – wenn auch leichte – Ratingveränderung eine Warnung ausgesprochen und zur Eile gemahnt. Über den Sommer werden die Diskussionen, wann die Geldpolitik restriktiver werden kann, zunehmen. Gerade durch Quantitative Easing 2 – den Ankauf von Staatsanleihen durch die Fed – haben die Aktienmärkte in den vergangenen Monaten starken Rückenwind bekommen. Allerdings könnte dieser Rückenwind abflauen. Auch die amerikanische Regierung wird über Einsparungen nachdenken müssen. Das alles spielt sich zu einem Zeitpunkt ab, wo sich die Frühindikatoren auf sehr hohem Niveau befinden und positive Überraschungen der Unternehmen etwas weniger werden. Es sollte daher nicht überraschen, wenn die Verunsicherung über die wirtschaftliche Dynamik und den Ausblick im Sommer etwas größer werden. Verstärkt wird die Unsicherheit durch die Frage, welche Auswirkungen eine mögliche Zinserhöhung der EZB und der Anstieg der Rohstoffpreise haben werden.
Trotzdem können sich Anleger auf einen eher ruhigen Sommer einstellen. Die Unternehmen – vor allem die deutschen – dürften auch weiter von guten Geschäften berichten. Außerdem sollten Mergers&Acquisitions-Aktivitäten die Märkte stützen. Die Bewertungen sind günstig, die Alternativen zu Aktien unattraktiv. Aktuell fehlen zwar neue positive Impulse. Allerdings sollten die europäischen Aktienmärkte zu einer gewissen Dynamik zurückfinden, wenn eine tragfähige Lösung für die Schuldenkrise verabschiedet ist oder die Skepsis über die weitere wirtschaftliche Entwicklung verfliegt.
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