HENNING GEBHARDT ist bei Deutschlands größter Fondsgesellschaft DWS Investments der Experte für deutsche Aktien sowie europäische Small und Mid Caps.
In seiner Kolumne in BÖRSE ONLINE schreibt der Fondsmanager über die neuesten Trends am deutschen und europäischen Aktienmarkt.
Bei seiner Einführung sollte der Aufdruck „Made in Germany“ eigentlich Kunden in Großbritannien vor Produktkopien aus dem Deutschen Reich warnen. Doch der Schuss ging nach hinten los: Das Siegel wurde schnell zum unverkennbaren Qualitätsmerkmal deutscher Waren – und sorgt heutzutage für gute Aussichten bei den hiesigen Unternehmen.
Zum Ende des 19. Jahrhunderts beschwerten sich Fabrikanten und Handwerker der britischen Stahlwarenmetropole Sheffield beim Londoner Parlament. Statt zu ihren hochwertigen Erzeugnissen würden die Briten immer häufiger zu billigen, minderwertigen Nachahmerprodukten greifen. Diese erweckten den Anschein, ebenfalls in Sheffield hergestellt worden zu sein, kämen aber meist aus Deutschland – und ruinierten den Ruf der englischen Stahlwarenproduzenten sowie deren Gewinne.
1887 verabschiedet das britische Parlament ein Gesetz, demzufolge alle mit einheimischen Produkten verwechselbaren Importartikel einen Hinweis auf das Urheberland mit den Worten „Made in ...“ tragen müssen. Das Siegel soll Kunden vor billigen Fälschungen warnen und den Kauf heimischer Produkte fördern. Doch genau das Gegenteil geschieht, das neue Zeichen steht im Falle Deutschlands schon bald für hochwertige Waren. Denn viele deutsche Unternehmen setzen inzwischen auf Qualität, haben in bessere Maschinen und in die Ausbildung ihrer Belegschaft investiert.
Der gute Ruf der Produkte made in Germany eilt auch heute den Unternehmen voraus. Aktuell sorgt er vor allem in den Schwellenländern für steigende Verkaufszahlen und unterstützt so die deutsche Exportindustrie: Im ersten Quartal dieses Jahres wuchsen die Exporte nach Brasilien um 40 Prozent, nach China gar um knapp 60 Prozent. Vor allem Industriegüter sind in den an Kaufkraft gewinnenden und die Weltwirtschaft stabilisierenden Emerging Markets gefragt. Zu den größten Profiteuren gehört die deutsche Automobilwirtschaft: Deren Auftragseingänge übertreffen bei Weitem die geplante Produktion, sogar die üblichen Sommerferien fallen deshalb in vielen Werken aus.
Der Industriesektor profitiert nicht nur von den gestiegenen Absatzzahlen im Ausland, auch mit soliden Bilanzen rüsten sich die Unternehmen für die Folgen der hohen Staatsverschuldung. Gerade der Mittelstand hat seine Hausaufgaben gemacht und vorsichtig sowohl Investitionen getätigt als auch die Lagerbestände aufgebaut. Zusammen mit verbesserten Konjunkturaussichten, einer ordentlichen Verschuldungssituation und anziehenden Gewinnschätzungen könnten auf deutsche Unternehmen rosige Zeiten zukommen.
Schade nur, dass die deutschen Fußballer diese Vorlage nicht nutzen konnten. Bisher wurde regelmäßig das Land Weltmeister, dessen Börse sich am besten entwickelt hatte – und das wäre 2010 eigentlich Deutschland gewesen.

Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit! Schreiben Sie uns zu diesem Beitrag Ihren Kommentar. Wir freuen uns über einen lebhaften Austausch.
Die neue Ausgabe von BÖRSE ONLINE erscheint am 29. Mai. Sollten wir Ihr Interesse geweckt haben, dann schließen Sie doch gleich ein Probeabo ab. Informieren Sie sich in unserem
Abo-Shop.
Empfehlen