Mit Argusaugen verfolgt die Finanz- und Anlegerwelt seit mehr als einem Jahr das Treiben der europäischen Politik in Sachen Staatsverschuldung in der Euro-Zone. Die unzähligen Gipfel-, Krisen- und Spitzentreffen und die hier getroffenen Lösungsansätze dominierten die Aktienmärkte, wie auch die unaufgefordert abgegebenen Lösungsvorschläge von Politikern aus der zweiten bis vierten Reihe - egal wo in Europa und in welchen Medien. Selbst die besten Firmenmeldungen, und davon gab es einige, reichten in den vergangenen Monaten lediglich für einen Tag aus, um den entsprechenden Kurs positiv zu beeinflussen. Danach versank die Aktie auch dieses Unter- nehmens wieder im europäischen Schuldensumpf.
Die Bewertungen an den Börsen sind im historischen Vergleich sehr niedrig. Die Dividendenrendite vieler deutscher Konzerne beträgt fünf, sechs, ja bis zu zehn Prozent, also mehr, als Italien und Spanien für ihre Anleihen bezahlen müssen. Dabei haben gerade deutsche Gesellschaften 2008 und 2009 bewiesen, dass sie sehr gut mit Krisen umgehen können. Hier scheinen die Fähigkeiten zur Problembeschreibung und die Lösungsbereitschaft wohl deutlich besser zu sein als auf der Staatsebene. Fairerweise muss erwähnt werden, dass gerade in Deutschland diese Maßnahmen von einer im Nachhinein allgemein als erfolgreich angesehenen Wirtschaftspolitik begleitet wurden, die zwar in den Krisenjahren den Staatshaushalt belastet hat, die aber auch 2010 und 2011 zu unerwartet hohen Steuermehreinnahmen führte.
Auch auf der Vertrauensebene verdienen Unternehmen eigentlich einen Bonus und nicht, wie an der Börse im Vergleich zu Staatsanleihen gepreist, einen Malus. Börsennotierte Gesellschaften unterliegen strengen Publizitätspflichten, deren Einhaltung und Richtigkeit von Aufsichtsbehörden, Wirtschaftsprüfern, Bilanzpolizei und Schutzvereinigungen überwacht werden. Das Management muss sich mit seinem Tun kontinuierlich vor Aufsichtsrat und Aktionären verantworten. In den vergangenen Jahren wurden die Anforderungen an Transparenz, Compliance und Corporate Governance deutlich erhöht. Die Stellung des Aktionärs in puncto Information und Transparenz ist somit besser als die des Inhabers von Staatsanleihen.
Die Berichterstattung der heimischen Firmen für das dritte Quartal ist recht gut ausgefallen. In einigen Branchen verzeichnet man zwar eine Abschwächung (Halbleiter, Stahl), aber der befürchtete Einbruch und die rezessive Entwicklung, wie sie von den Aktienkursen schon eingepreist wurden, sind (noch?) nicht zu erkennen. Auch aus den vielen Gesprächen, die wir in den vergangenen Tagen mit deutschen Unternehmensvertretern geführt haben, geht eher ein verhaltener Optimismus für das vierte Quartal und das Jahr 2012 hervor. Und sollte es doch schlimmer kommen, sind die Unternehmen vorbereitet und deutlich besser aufgestellt als in der Finanzkrise 2008/09. Viele deutsche Aktien bieten bei einer Normalisierung des Umfelds ein erhebliches Potenzial. Dies könnte aber auch oder teilweise realisiert werden, wenn sich die Kapitalströme auch nur in einem geringen Maß aus Staatsanleihen hin zu Aktien bewegen würden. Ein Anzeichen dafür könnte sein, dass sich das schwankende Vertrauen gegenüber Staatsanleihen nicht mehr unmittelbar auf Aktien auswirkt. Die bisherige Entwicklung der Unternehmen und die niedrige Bewertung bilden eine gute Basis dafür.

MANFRED PIONTKE
ist Mitinhaber des Fondshauses
Frankfurt Performance Management
(FPM), das er im Oktober 2000
gemeinsam mit Martin Wirth und
weiteren Ex-Kollegen gründete.
Zuvor war er als Experte für deutsche
Aktien bei der
Deutschen Bank
tätig.
In BÖRSE ONLINE analysiert er aktuelle Aktientrends.
Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit! Schreiben Sie uns zu diesem Beitrag Ihren Kommentar. Wir freuen uns über einen lebhaften Austausch.
Die neue Ausgabe von BÖRSE ONLINE erscheint am 1. Dezember. Sollten wir Ihr Interesse geweckt haben, dann schließen Sie doch gleich ein Probeabo ab. Informieren Sie sich in unserem
Abo-Shop.
Empfehlen