Börsenprofessor Max Otte über die Prinzipien des Value Investing, seine Übertragung in die Anlagepraxis und welche Bewertungsmethoden der Börsenstar des Jahres 2009 und 2010 anwendet.
Max Otte ist Professor für qualitative und quantitative
Unternehmensanalyse und -diagnose an der
Karl-Franzens-Universität Graz sowie Professor
an der FH Worms. Im Jahr 2006 wurde er durch
seinen Bestseller „Der Crash kommt“, in dem er
die Subprime-Krise voraussagte, bundesweit
bekannt. Otte ist Gründer des IFVE Instituts für
Vermögensentwicklung in Köln sowie Gründungsdirektor
des Zentrums für Value-Investing
e. V. Mit seinem PI Global Value Fund
(WKN: A0N E9G) schlägt er seit Auflegung im
März 2008 die Märkte um
Längen. 2009 und 2010
wählten ihn die
BÖRSE ONLINE-Leser
zum Börsenstar
des
Jahres.
Herr Otte, wie kamen Sie zum Value-Investing?
Max Otte: Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich
von Anfang an ein guter Investor gewesen
bin. Geschichte und Philosophie haben
mich eigentlich mehr interessiert. Aber ich
bin Pragmatiker, studierte Volkswirtschaftslehre,
BWL und später politische Ökonomie.
In den 80ern habe ich während meiner
Studentenzeit mit Aktien experimentiert,
aber schnell das Interesse daran verloren.
Michael Kelleher, ein Fonds- und Vermögensmanager,
gab einen Kurs in Fi -
nanz- und Aktienanalyse an der American
University. Dort erhielt ich 1987 erste
Impulse.

Wie haben Ihre akademischen Neigungen
Ihnen geholfen?
Max Otte: Value-Investing begann, mich aus mehreren
Gründen zu interessieren. Erstens,
obwohl ich nicht besonders an Geld interessiert
bin, ist es ganz schön, etwas mehr
als das Gehalt eines Professors in der Tasche
zu haben. Zweitens hat mich immer
die Machtbalance zwischen Nationen, die
Verteilung von Macht in der Gesellschaft
sowie die Sicherheitspolitik interessiert.
Geld ist Sicherheit und Macht, Value-Investing
eine interessante, unkonventionelle,
aber nicht konfrontative Methode,
Geld zu verdienen. Wenn Sie das mit einem
Interesse an der internationalen Wirtschaft,
Branchendynamik und Unternehmensstrategie
verbinden, haben Sie eine sehr potente
Mischung.
Wann wurden Sie dann Value-Investor?
Max Otte: Ich gab Kurse in Management, internationaler
Wirtschaft und Unternehmensfinanzierung.
Außerdem startete ich
verschiedene Unternehmen, da ich eine
ausgeprägte unternehmerische Ader
habe. Ende 1998 entdeckte ich den Finanzinformationsdienst
Motley Fool
und wollte dieses Konzept in Deutschland
etablieren.
Und ist das gelungen?
Max Otte: Nicht so ganz. Nach turbulenten Zeiten
in der New Economy habe ich jetzt zwar
mehrere Unternehmen, die im Finanzbereich
tätig sind. Aber wenn Sie nicht wie Warren Buffett mit dem Gen geboren sind,
brauchen Sie ungefähr zwei Börsenzyklen,
um sich die notwendige Disziplin und
Methodik zu erarbeiten. Ich bin nun in
meinem dritten Börsenzyklus, und die
harte Arbeit zahlt sich aus. Ich glaube
auch, dass der Erfolg mir einigermaßen
treu bleiben wird, weil ich mir das Ganze
sehr schwer verdient habe.
Was genau ist Value-Investing für Sie?
Max Otte: Benjamin Graham, der Gründer des Value-
Investing, pflegte zwischen „Investment“
und „Spekulation“ zu unterscheiden. Spekulation
ist nichts weiter als ein „Zock“,
den man auf eine bestimmte Eingebung
hin unternimmt. Investieren hingegen ist
systematisches Arbeiten, systematische
Analyse und Bewertung von Investitionschancen.
Wenn Sie nach einer sorgfältigen
Analyse zu dem Schluss kommen, dass Sie
langfristig kein Geld mit diesem Investment
verlieren werden und dazu eine angemessene
Rendite erzielen, kaufen Sie.

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Wie funktioniert das in der Praxis?
Max Otte: Bruce Greenwald von der Columbia
University, dessen Seminar ich in Europa
lehren darf, hat den Investmentprozess in
drei Schritte untergliedert: erstens eine
Suchstrategie, zweitens robuste Bewertungsverfahren
und drittens einen systematischen
und disziplinierten Kauf- und
Verkaufsprozess.
Wie starten Sie Ihren Suchprozess?
Max Otte: Normalerweise habe ich viel zu viele Ideen.
Also ist die Herausforderung für mich eher,
schlechte Ideen systematisch zu eliminieren,
sodass die besten übrig
bleiben. Weil meine Zeit begrenzt
ist, versuche ich, mich auf das zu
konzentrieren, was ich kenne.
Ich habe ein ziemlich kleines
Aktienuniversum, das ich genau
beobachte. Ich lese Geschäftsberichte
und habe eine Excel-
Datenbank mit circa 150 Aktientiteln.
Im Laufe der Zeit
bekommt man ein Gefühl für
bestimmte Aktien oder wann
eine Aktie oder ein Sektor
interessant wird und wann
der Preis zu hoch ist. Außerdem
schaue ich mir gerne
Aktien mit einem sehr niedrigen
Kurs-Buchwert-Verhältnis
oder die relativen Verlierer der
vergangen fünf Jahre an. Das sind die
billigen Unternehmen, bei denen es sich
lohnt, weiterzuschauen.
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