Da ist er wieder – dieser Blick von oben nach unten. Der gleiche Spott in den Mundwinkeln, der ein überlegenes von einem freundlichen Lächeln trennt. Sicher, die Haare sind grau, das Gesicht zeigt Spuren. Wir wissen, dass der Mann acht Jahre im Knast saß.
Gordon Gekko, der neue Gekko, taugt immer noch als Vorbild. Er wurde am Wochenende in „Wall Street: Money Never Sleeps“ – der Fortsetzung des Erfolgsfilms von Oliver Stone – beim Festival in Cannes präsentiert. Seine Sprüche sind ebenfalls die alten. „Gier ist immer noch gut“, sagt er. „Und heute ist sie sogar legal“.
Nachdem Gekko eine Strafe wegen Anlagebetrugs abgesessen hat, hält er einen Vortrag an der Fordham University. Die High Potentials hängen an seinen Lippen – obwohl er sagt, dass sie keine Zukunft haben. „Gehen wir unter?“, fragt er, nachdem er mit der Allmacht der Gier im Turbokapitalismus abgerechnet hat und die Krise prophezeit: „Das ist die falsche Frage“, antwortet er sich selbst, „die richtige Frage lautet: Wer bleibt übrig?“
„Wall Street“ wurde kurz vor dem Börsencrash 1987 gedreht. Damals zeichnete sich ein Wandel ab: Plötzlich bevölkerten nicht mehr nur graue Eminenzen das Finanzgeschäft. Karrieristen entdeckten die Branche als Startbahn zu Sex und Glamour. Der Film, als Abrechnung gedacht, wurde zur Identifikationsvorlage: An Business Schools wollten viele Studenten plötzlich wie Gekko sein. Mit zurückgegelten Haaren, Hosenträgern und zynischen Sprüchen hatte der Schauspieler Michael Douglas Nachwuchsbanker dazu gebracht, sich lieber mit Gaunern als mit dem eigentlichen Filmhelden samt seinem rechtschaffenen Vater zu identifizieren. „Wir waren beide bestürzt“ über den Einfluss, der von Gekko ausging, sagte Douglas bei der Pressekonferenz mit Stone in Cannes. „Gekko hat Menschen und Firmen zerstört und dennoch wollten plötzlich viele so sein wie er.“ Hinzu fügte er: „Viele dieser damaligen Studenten sind heute die Chefs von Investmentbanken“.
Stone und Douglas fühlen sich also mitschuldig an der Finanzkrise. Sie glauben, sie haben die Generation Gier mitgeschaffen. Deshalb musste ein neuer Film gedreht werden. Die Produzenten bedrängten den Regisseur schon seit Jahren. Doch Stone willigte erst ein, nachdem sich die aktuelle Krise abzeichnete. Jetzt hat er einen Film gemacht, dessen Botschaft sich in Gekkos Vortrag an der Fordham University zusammenfassen lässt: Wir sind alle Gekkos geworden – erst die Banker, dann die Regierung mit ihrer Niedrigzinspolitik, am Ende auch der kleine Hausbesitzer. Anders als 1987 versucht Stone dieses Mal, einen Ausweg aufzuzeigen. Doch nähme die Finanzwelt diesen Ausweg ernst, würde wahrscheinlich alles noch schlimmer werden.
In „Wall Street 2“ kämpft jeder gegen jeden. Alle sind Betrüger, und niemand mehr ahndet den Betrug. So könnte es ausgesehen haben, als die Finanzmächtigen den Daumen über Lehman Brothers senkten. Im Film beraten die Präsidenten der regionalen US-Zentralbanken mit den Top-Finanzmanagern, ob sie die Investmentbank KZI retten. Diese Szene ist eine Mischung aus Ratlosigkeit der Veteranen und Missgunst des Bösewichtbankers Bretton James (Josh Brolin). James, der mit Leerverkäufen auf den Untergang der KZI gewettet hat, besiegelt das Aus der Bank.
Der junge Held des Films, Jacob Moore (Shia LaBoeuf), ist von der KZI zu James gewechselt. Nun nimmt der Chef persönlich den Jungen unter seine Fittiche. Noch glitzern die Fassaden in den suggestiven Kamerafahrten des Filmes, noch glänzt es im Loft, das der Jungbanker mit Freundin Winnie (Carey Mulligan) teilt. Winnie ist die Tochter Gekkos, von dem sie aber nichts mehr wissen will. Noch scheint die Welt in Ordnung. Nur manchmal erscheint Jacobs Mutter – eine Hausfrau, die auf Maklerin umgesattelt hat – und deren Immobiliengeschäfte langsam den Bach runtergehen.
Und was macht Gekko? Er handelt wieder, gründet in London ein Brokerunternehmen und lässt sich Anzüge und Maßschuhe im Dutzend machen. Hosenträger sind längst passé. Er startet ein paar Versuche, sich mit Tochter Winnie zu versöhnen. Die schöne Winnie vertritt das moralisch Gute im Film. Sie kämpft für Ökoenergien, was ihr Freund Jacob manchmal mit bösem Geld zu unterstützen versucht: Er gibt Investmenttipps.
Mit Oberzyniker Gekko, den ratlosen Finanzkontrolleuren und dem hin- und hergerissenen Jacob könnte der Film nun in eine ernst zu nehmende Tragödie münden und die wenig unterhaltsame Katharsis auf später verschieben. Doch Stone will nicht mehr so unmoralisch sein, wie Gekko im Jahr 1987. Er beschwört traditionelle Werte: Deshalb muss der alte Gekko nur für Minuten statt auf Börsenkurse auf den Ultraschallmonitor mit dem klopfenden Herzen seiner ungeborenen Enkelin schauen – schon ist der Bösewicht geläutert. Gleichzeitig schwört Jacob den falschen Vorbildern ab. Doch so abgeschmackt das Bild vom Verbrecher ist, der seine Familie entdeckt, so wenig hilft es aus der aktuellen Krise.
Der alte Gekko war ein Verbrecher. Dass er jetzt als netter Opa enden soll, hat er nicht verdient. Kein Wunder, dass Stone in Cannes mit den Schultern zuckte, als er gefragt wurde, ob sich Gekko oder das System verändert hat. „Am Ende weiß man es nicht“, sagte er. Sein Gesicht wirkte dabei so ratlos wie der Schluss seines Filmes.
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