Herr Buffett, die Wirtschaftsdaten in den USA und anderswo sind weiter verheerend, aber
die Börsenkurse steigen seit einigen Wochen kräftig. Haben die Aktienmärkte recht? Liegt
das Schlimmste hinter uns?
Buffett:Wirkliche Anzeichen für eine Erholung kann ich noch nicht erkennen. Ich schaue mir jeden Tag eine Menge Unternehmen und Geschäftszahlen an. Noch gibt es
keine Signale, dass die Aktivitäten an Fahrt gewinnen. Zwar stabilisiert und belebt
sich der Wohnungsmarkt in einigen Regionen der USA – jedoch lange nicht in allen, und die Preise steigen nicht. Aber natürlich wird die Wirtschaft über kurz oder lang wieder wachsen.
Ist die jüngste Hausse an den Börsen also verfrüht und nur ein Strohfeuer?
Buffett:Ich habe keine Ahnung, wo die Kurse morgen oder in einem Jahr stehen werden. Das ist nicht mein Geschäft. Mein Geschäft ist es, den Wert für ein Investment zu bestimmen und es dann zu kaufen, wenn der Preis stimmt. Es interessiert mich nicht, wohin die Kurse nach einem Abschluss laufen. Ich investiere wie ein Farmer: Wenn der ein Grundstück kauft, dann tut er das, um von den Erträgen dieses Grundstücks zu leben. Er wird nicht jeden Tag die Entwicklung der Marktpreise verfolgen.
Warum haben Sie zuletzt vor allem bei Unternehmens- und Wandelanleihen zugegriffen,
aber kein neues Unternehmen und keine großen Aktienpositionen gekauft?
Buffett:Am Markt für Unternehmensanleihen gab es eine Zeit lang extreme Verwerfungen. Hier haben wir einige sehr günstige Gelegenheiten gesehen. Richtig ist, dass
wir seit Längerem kein Unternehmen mehr übernehmen konnten – obwohl ich das immer gern tue. Wir schauen uns ständig alle möglichen Arten von Investments an. Wenn wir etwas kaufen, dann sind wir wirklich davon überzeugt. Und das war in der jüngsten Vergangenheit vor allem bei Anleihen oder anleiheähnlichen Wertpapieren der Fall, teilweise verbunden
mit Aktienoptionen.
Und hier haben Sie seit der Lehman-Pleite mehr als zehn Milliarden Dollar investiert, für
die Sie zwischen zehn und 15 Prozent Zinsen jährlich bekommen. Sie selber sagen aber
eine hohe Inflation für die kommenden Jahre voraus. Wird das die Erträge schmälern?
Buffett:Mit Sicherheit. Inflation ist der echte Feind jedes Investors, aber besonders des Anleihekäufers.
Dennoch haben Sie Anleihen erworben und meiden Aktien. Sind Unternehmen also
immer noch nicht attraktiv bewertet?
Buffett:Unternehmen sind derzeit durchaus attraktiv bewertet, wenn auch nicht in dem Maß, wie sie es in den 70er-Jahren waren. Und wir finden auch hier Gelegenheiten:
Im vergangenen Herbst haben wir versucht, den US-Versorger Constellation Energy über unsere Tochter Midamerican Energy zu übernehmen. Wir wollten 4,7 Milliarden Dollar investieren. Dann hat die französische Electricité de France uns mit einem besseren Angebot einen Strich durch die Rechnung gemacht. Doch wir sind weiter ständig bereit, alles Mögliche
zu kaufen, wenn der Preis stimmt. Und wer weiß, vielleicht kommt morgen früh die nächste Chance.
Im vergangenen Mai sind Sie einige Tage durch Europa getourt, um Familiengesellschaften
auf Berkshire aufmerksam zu machen. Haben Sie viele Anrufe von verkaufsbereiten Unternehmern bekommen?
Buffett:Es gab einige Anfragen und Kontakte, aber sie haben zu keinem Ergebnis geführt. Denn die Welt hat sich im vergangenen Jahr sehr verändert: Unternehmen
sind auf dramatische Weise billiger geworden. Niemand ist bereit, eine wirklich gute Firma zu den momentanen Bedingungen zu verkaufen.
Werden Sie wieder nach Europa kommen?
Buffett:Ich denke, meine Botschaft ist dort angekommen.
Ihr letzter großer Aktienkauf war ein Paket des US-Energieriesen ConocoPhillips. Bedeutet
das, dass Sie an einen Anstieg des Ölpreises glauben?
Buffett:Irgendwann in der Zukunft wird Öl wieder für sehr viel mehr Geld verkauft werden als heute. An den Future-Märkten sind lang laufende Kontrakte schon heute
sehr viel teurer als der Spotmarkt.
Kritiker werfen Ihnen vor, auch der Einstieg beim US-Bankhaus
Goldman Sachs sei zu
einem sehr ungünstigen Zeitpunkt erfolgt. Hier haben Sie sehr kurz nach der Lehman-
Pleite Preferred Stocks und Call-Optionen für Aktien erworben. Die Stammaktien waren
in der Folge aber noch viel billiger zu haben.
Buffett:Das war ein sehr gutes Geschäft für Berkshire. Wir erhalten eine hohe Verzinsung und verfügen über Aktienoptionen für fünf Milliarden Dollar. Und das zu Konditionen, die wir weder drei Wochen vorher noch drei Wochen später bekommen hätten.
Es war auch ein wichtiger Schritt für
Goldman Sachs, weil zu der Zeit sonst niemand
für die US-Bank einstehen wollte. Der Deal fand genau in der Phase statt, als das Chaos an den Finanzmärkten die Oberhand gewann.
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