Herr Faber, Sie sind eigentlich als Börsenskeptiker
bekannt. Dennoch empfehlen Sie
Anlegern seit März, Aktien zu kaufen. Erklären
Sie uns bitte den Widerspruch.
Gerade weil ich wegen der Konjunktur so
skeptisch bin, bin ich, was die Börse betrifft,
positiv gestimmt. Schon seit Ende
vergangenen Jahres weise ich darauf hin,
dass eine schlechte Entwicklung der Wirtschaft
nicht zwangsweise mit einer negativen
Performance am Aktienmarkt einhergeht.
Wegen der Rezession hat die
US-Notenbank die Leitzinsen auf null gesenkt
und die Regierung ein riesiges Konjunkturprogramm
verabschiedet. Wenn
die Überkapazitäten aber so groß sind wie
derzeit, bauen die Unternehmen keine
neuen Fabriken. Und die Verbraucher
sparen, statt zu konsumieren. Wo soll die
riesige Liquidität, die durch das Gelddrucken
entsteht, also hingehen? Sie fließt in
Anleihen, Aktien und Rohstoffe, also in
die Spekulation.
Wenn die Verzinsung bei
Geldmarktfonds bei null liegt, ist die
Wahrscheinlichkeit, dass Geld in Aktien
strömt, relativ groß.
Das Gelddrucken belastet aber den
Dollar. Seit März hat er um 20 Prozent
gegenüber dem Euro abgewertet. Kann das
noch lange so weitergehen, ohne dass es zu abrupten Bewegungen an den Märkten
kommt?
Die Aussagen der Amerikaner, sie wären
an einem starken Dollar interessiert, sind
reine Lippenbekenntnisse. Der schwache
Dollar verschafft den US-Firmen Vorteile,
weil sie ihre Ware billiger auf dem Weltmarkt
anbieten können. Und das, ohne
die Kosten zu senken. Man kann sich auf
diese Art und Weise aber nur kurzfristig
Vorteile gegenüber anderen Ländern verschaffen.
Langfristig kann man in einer
Volkswirtschaft keinen Reichtum kreieren,
indem die Währung abwertet. Ein
schwacher Dollar deutet auf Inflation in
der US-Wirtschaft hin. Die Geldentwertung
muss sich nicht unbedingt nur in
den Verbraucherpreisen zeigen. Auch
steigende Preise bei Aktien und Rohstoffen
können auf Inflation hindeuten.
Viele Experten erwarten eine v-förmige Erholung
der Konjunktur. Was meinen Sie?
Ich sehe keine gewaltige Verbesserung.
Vielleicht gelingt aber eine Stabilisierung
für eine gewisse Zeit.
Was passiert, wenn in den USA die Wirkung
der Konjunkturmaßnahmen nachlässt?
Das würde die Wirtschaft enorm belasten.
Der S&P 500 ist seit dem März-Tief bei 666
Punkten auf aktuell 1080 Punkte gestiegen.
Falls der Index bis auf 900 oder gar 800
korrigieren sollte, deutete das auf schwache
Konjunkturdaten hin. Dann wird das
nächste Konjunkturprogramm der Obama-
Regierung kommen. Und die Amerikaner
werden noch mehr Geld drucken. Nominell
könnte der S&P 500 dann zwar steigen.
Gleichzeitig sollte der Dollar aber weiter
fallen. In einer Währung wie dem Euro gerechnet
oder gegenüber Rohstoffen ist der
Wertzuwachs des Index deswegen deutlich
geringer. Der Goldpreis könnte kurzfristig
nachgeben, eventuell bis auf 900 Dollar je
Unze. Langfristig sind die Perspektiven für
Gold jedoch hervorragend, denn während
eine Menge Dollar gedruckt wird, bleibt
das Angebot des Edelmetalls knapp.
Die Notenbank hat angekündigt, dass sie die
Zinsen für eine lange Zeit sehr niedrig halten
wird. Wie finden Sie diese Politik?
Nach dem Jahr 2001 hat der damalige Notenbankchef
Alan Greenspan die Zinsen
lange viel zu niedrig gehalten. Das hat zur
Blase am Häusermarkt und zum starken
Anstieg der Verschuldung geführt. Selbst
wenn sein Nachfolger Ben Bernanke
künftig die Zinsen anheben sollte, werden
diese angesichts der hohen Arbeitslosigkeit
nur sehr langsam steigen und immer
noch niedriger liegen als die Inflationsrate.
Das dürfte zur nächsten Blase führen,
möglicherweise bei Aktien und Rohstoffen.
Das Negative an dieser Politik ist,
dass das Problem, das die Krise verursacht
hat, nicht gelöst worden ist.
Der enorme Anstieg der US-Schulden ...
... ist Wahnsinn. Die Schulden von Privatleuten,
Firmen und Staat insgesamt belaufen
sich auf 375 Prozent im Verhältnis
zum Bruttosozialprodukt. Dabei sind Kosten
aus dem Gesundheitssystem von 59
Billionen Dollar noch nicht eingerechnet.
Das sind Leistungen, die den Amerikanern
rechtlich zustehen, für die aber keinerlei
Rücklagen gebildet worden sind.
Angesichts des staatlichen Schuldenbergs
kann Bernanke die Zinsen nicht stark erhöhen,
weil die Zinsbelastung rasant steigen
würde. Man kann das Problem der
Überschuldung, worunter ein Großteil
der US-Verbraucher leidet, nicht lösen,
indem man noch mehr Schulden macht.
Diesen Artikel bookmarken bei...