Erfolgsautor Max Otte hat die Krise vorhergesagt. Jetzt rät der Wissenschaftler zum Einstieg in Aktien, empfiehlt Gold und Ackerland als Absicherung - und hält sich selbst exakt an diesen Anlagemix.

Max Otte
Max Otte hat 2006 "Der Crash kommt" veröffentlicht, mit einer Auflage von mehr als 300.000 Exemplaren eines der erfolgreichsten Sachbücher der vergangenen Jahre. Darin sagt der Wissenschaftler voraus, dass die Blase am amerikanischen Hypothekenmarkt platzen und eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise auslösen wird. Otte ist Professor mit Schwerpunkt Finanzierung an der Fachhochschule Worms, allerdings derzeit für drei Jahre freigestellt. Außerdem ist er geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Vermögensentwicklung, das unter anderem den Börsenbrief "Der Privatinvestor" herausgibt und Privatkunden berät. Der 44-Jährige hat zwei Kinder.
Herr Otte, sind Sie an einem Sonntag geboren?
Otte: (denkt nach) Tut mir leid, da muss ich passen. Warum fragen Sie?
Der Volksmund sagt, dass Sonntagskinder Glück haben. Und Sie hatten das Glück, mit Ihrem Buch "Der Crash kommt" richtig zu liegen.
Otte: Nein, nein, nein! Mein Buch ist das Ergebnis langer, akribischer Arbeit, das hat mit Glück nichts zu tun. Das kann man auch daran sehen, dass ich normalerweise kein Crash-Prophet bin, sondern ein Optimist. Aber dieses Mal war ich überzeugt davon, dass es zu einem dramatischen Einbruch kommt. Das musste förmlich aus mir heraus.
Jetzt aber mal im Ernst: Kein Wirtschaftsguru hat diese Entwicklung vorhergesehen, von Alan Greenspan über zahlreiche Nobelpreisträger bis hin zu sehr namhaften deutschen Gelehrten. Warum wusste ausgerechnet ein Fachhochschulprofessor aus Worms alles besser?
Otte: Vielleicht, weil ich das richtige Fundament habe. Das spreche ich 95 Prozent der theoretischen Ökonomen ab, weil sie sich in die Mathematik verliebt und die Realität vergessen haben. Mein Hintergrund ist dagegen die politische Ökonomie. Da geht es immer um das Zusammenspiel von Menschen und damit um soziale Phänomene.
Das klingt zunächst vernünftig, dürfte aber die meisten Ökonomen noch längst nicht überzeugen. Warum tanzen Sie so aus der Reihe?
Otte: Ich bin der Auffassung, dass die Lehren der Geschichte viel wichtiger sind als komplexe Modelle, und habe mich schon seit Mitte der 80er-Jahre mit Krisen beschäftigt. Dann habe ich mich, inspiriert von Kollegen, zusätzlich mit Verschuldung auseinandergesetzt. Da war es kein weiter Weg zu den USA, wo immer mehr Kredite aufgetürmt wurden. Dort ist ein extrem fragiles Kartenhaus entstanden. Wenn Sie unten einige Karten - Stichwort Subprime-Verträge - herausziehen, dann bricht alles zusammen. Das war mir klar.
Nachdem Sie so gut in Vorhersagen sind, wissen Sie sicherlich, wie es mit der Krise weitergeht.
Otte: Das weiß ich nicht.
Jetzt enttäuschen Sie uns.
Otte: Meinetwegen. Aber es hängt viel davon ab, was die Politik macht. Und das ist extrem schwer abzuschätzen.
Sie haben aber doch sicher ein Szenario entwickelt.
Otte: Ja, mehrere. Erstens eine Weltwirtschaftskrise wie 1929. Das wäre der schlimmste Fall. Ganz unwahrscheinlich ist er nicht, denn viele Probleme wie das Verschuldungsniveau sind größer als damals. Nummer zwei nenne ich das Japan-Szenario. Eine schleichende Depression, wir schmieren nicht so richtig ab, kommen aber auch nicht wieder voran wie eben Japan seit Anfang der 90er. Das halte ich für sehr wahrscheinlich. Denn wir pumpen immer mehr Geld in das Finanzsystem, tun aber nichts, um den Müll zu entsorgen.
Was sollten wir denn tun?
Otte: Man müsste meines Erachtens einige Banken abwickeln, beispielsweise Zombie-Institute wie die Hypo Real Estate.
Das klingt alles wenig erhebend. Haben Sie gar nichts Optimistisches mehr zu bieten?
Otte: Es gibt ein drittes Szenario. Das fände ich am besten. Zwei Jahre scharfe Rezession mit steigender Arbeitslosigkeit, und dann kommt Inflation. In diesem Fall würden sich schlechte Vermögenswerte von selbst entwerten. Wenn wir jedes Jahr eine Inflationsrate von zehn Prozent haben, werden immer mehr schädliche Papiere vernichtet. Zudem regt die Inflation zum Geldausgeben an. Schön wäre es, wenn die Notenbanken dann gleichzeitig das Gelddrucken langsam zurückfahren würden.
Positiv ist diese Vorstellung aber auch nicht. Unter hoher Inflation würden viele leiden, beispielsweise die Rentner.
Otte: Bei jedem Szenario müssen bestimmte Gruppen draufzahlen. In diesem Falle ist klar, dass Rentner zu den Verlierern gehören würden. Aber man muss bedenken, dass es der Mehrheit zurzeit ziemlich gut geht. In den vergangenen Jahren haben vor allem junge Leute und Menschen im besten Berufsalter sowie Mittelständler geblutet. Für die müsste dringend etwas getan werden.
Politiker scheuen Lösungen, bei denen es solch klare Verlierer gibt. Halten Sie deshalb das Japan-Szenario für wahrscheinlich?
Otte: Ja, das Unterlassen und das Verstecken ist einfacher, als aktiv etwas zu tun.
Wenn Sie im Sachverständigenrat säßen, könnten Sie der Regierung solche Wahrheiten direkt nahebringen. Wären Sie gern ein solcher Wirtschaftsweiser?
Otte: Um Himmels willen, nein. Ich bin finanziell unabhängig und nehme auch keine Regierungsaufträge an.
Aber Sie haben das geschafft. Da wären Sie doch genau der Richtige für den Job.
Otte: Als Wirtschaftsweiser sorgen Sie für ein bisschen Gesprächsstoff und machen ein paar kluge Sprüche. Sie werden aber nicht vom Staat dafür bezahlt, Rezessionen vorherzusagen. Das will keiner hören, denn das würde ja die Stimmung verderben. Ihr Spielraum ist also sehr eingeschränkt.
Seien Sie ehrlich - Sie würden doch gerne gefragt werden, nur um abzulehnen.
Otte: Nein. Ich würde aber gerne von Politikern hinter den Kulissen gefragt werden, was ich von diesem oder jenem Problem halte. Das kommt in jüngster Zeit auch vor.
Wer hat denn schon angerufen?
Otte: Das sage ich nicht - nur soviel: Das geht über verschiedene Länder und auch über die Parteigrenzen hinweg.
Würden Sie gerne selbst in die Politik wechseln?
Otte: Mein Vater war engagierter Kommunalpolitiker. Bis ich 21 war, war das auch mein Berufsziel. Aber heute bin ich lieber Unternehmer, Publizist und Wissenschaftler. Mich stören die ständigen Kompromisse in der Politik.
Derzeit müssen die Politiker weniger Kompromisse schließen, als es jahrzehntelang der Fall war.
Otte: Das sehe ich anders.
Wieso das? Im Zuge der Finanzkrise hat die Wirtschaft an Macht verloren, und alle rufen nach dem Staat.
Otte: Aus meiner Sicht liegt die Macht liegt noch bei der Wirtschaft, alles andere ist Besänftigungsrhetorik. Wer hat denn das Bankrettungspaket geschnürt? Die Banken selbst. Wir haben mittlerweile, zugespitzt gesagt, einen von der Privatwirtschaft schon neofeudal aufgeteilten Staatsapparat.
Sie fordern in Ihrem Buch eine Steuer auf Finanzgeschäfte. Die SPD will die als Tobin-Steuer bekannte Abgabe nur auf Aktien. Finden Sie das gut?
Otte: Es wäre ein Anfang, aber ich fände eine umfassende Steuer besser. Warren Buffett fordert das auch, und der ist wie ich Erzmarktwirtschaftler. Man sollte das so weit wie möglich fassen. Das Beste wäre sowieso eine internationale Kapitaltransaktionssteuer.
Wollen Sie partout Aktieninvestments verhindern?
Otte: Nein. Wer eine Aktie wirklich will, kauft sie auch, wenn sie ein Prozent teurer ist. Wichtiger ist: Solch eine Steuer hätte die Finanzkrise möglicherweise verhindert, weil sie den schnellen Handel verlangsamt. Die Haltedauer ist bei Aktien in den vergangenen 40 Jahren erheblich geschrumpft.
Empfehlen