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Interview mit Richard Werner "Ein untragbares System"

[17:48, 25.11.09]


Professor Richard Werner über destruktive Banken, ohnmächtige Zentralbanken und eine radikale Kur gegen Blasen und Finanzkrisen.


Richard Werner, Professor für International Banking an der University of Southampton

 Richard Werner, Professor für International Banking an der University of Southampton

Richard Werner ist Professor für International Banking an der University of Southampton. Der gebürtige Deutsche hat eine Gastprofessur für Monetäre Theorie an der Goethe-Universität Frankfurt.

Herr Werner, in London feiern Investmentbanker wieder, als ob es die Finanzkrise nie gegeben hätte. Unterdessen versucht die Weltgemeinschaft, das Finanzsystem zu reformieren. Was erwarten Sie davon?

Nicht viel. Wie es aussieht, wird das Grundproblem des Finanzsystems nicht angegangen. Die Banken haben das Privileg, über die Kreditvergabe Geld zu schöpfen. Sie dürfen Geld neu schaffen und entscheiden, wer wie viel für welche Zwecke bekommt. Banken sind jedoch in Privatbesitz und wollen Gewinne maximieren. Sie müssen nicht nachdenken, ob ihr Handeln für die Gesamtwirtschaft gut ist.

So sind die Regeln in einer freien Marktwirtschaft. Was ist daran auszusetzen?

Dass die Banken Profite machen wollen, ist ihnen ja auch nicht vorzuwerfen. Sie reagieren nur auf Anreize der Gesetzgebung. Das Problem dabei: Wenn private Banken Geld nach dem Gewinnmaximierungsprinzip schöpfen und verteilen, wird es oft für unproduktive und gar destruktive Zwecke eingesetzt. Ich denke an Kredite für Hedge-Fonds, die den Ölpreis in die Höhe treiben. Wenn Banken Kredite für spekulative Zwecke vergeben, führt das zu Blasen und Krisen. In den vergangenen 100 Jahren hatten wir schätzungsweise 200 Finanzkrisen. Allein in den vergangenen 40 Jahren waren es über 100. Kommt die Krise, fängt der Steuerzahler alles auf. Das ist ein untragbares System.

Aber Notenbanken regeln die Geldströme. Dort kommt doch die Geldmenge her.

Das glaubt die breite Masse. Nur ein bis zwei Prozent der Geldmenge kommt von den Zentralbanken. Es wird nur der Eindruck erweckt, dass Zentralbanken die Geldmenge erzeugen. In Wirklichkeit erfüllt dies eine PR-Funktion. Die Bevölkerung soll in diesem Glauben bleiben. 98 Prozent der Geldmenge schaffen Banken. Diese Macht haben sie selbst nach der Rettung durch die Regierungen noch.

Die Staaten versuchen, die Banken jetzt zur Kreditvergabe zu bewegen.

Die Banken sammelten von den Regierungen Hunderte von Milliarden ein, ohne an irgendwelche Bedingungen gebunden zu sein. Unter Druck werden die besten Abschlüsse gemacht. Das ist im Finanzsektor eine bekannte Verkaufsmethode.

Drängte nicht die Zeit, weil das gesamte Finanzsystem vor dem Kollaps stand?

Das wird uns suggeriert. Die Katastrophe wäre nicht gekommen. Der Staat hatte Möglichkeiten einzugreifen, und die Einlagen waren gesichert.

Es entsteht der Eindruck, dass die Banken einfach schlauer sind. Sind die Regierungen so ohnmächtig, wie sie zuweilen wirken?

Ganz und gar nicht. Regierungen könnten den Kreditmangel schnell beenden. Sie sitzen auf dem dickeren Ast und haben höchst effektive Druckmittel. Die Banken haben das Recht und die Aufgabe, die Geldmenge zu schaffen und in Umlauf zu bringen. Wie man sich denken kann, ist diese Lizenz äußerst lukrativ. Der Entzug der Banklizenz oder besser noch dieses Kreditschöpfungsprivilegs ist ein äußerst wirkungsvolles Druckmittel. Wir müssen uns fragen: Wollen wir wirklich die Geldmenge von privaten, profitorientierten Unternehmen verteilen lassen?

Das ist ein extremer Vorschlag, der logistisch wohl kaum umzusetzen ist.

Ich finde das gegenwärtige System extrem. Die Volksmeinung ist da sicher auf meiner Seite. Aber als Kompromiss könnte man das Privileg unter sehr strengen Auflagen weiter vergeben. Meine Minimalempfehlung wäre, dass es Banken verboten wird, Kredite an Firmen oder Projekte zu vergeben, die nichts zum Bruttoinlandsprodukt beitragen. Damit wären alle Finanzspekulationen weg und alle Bankenkrisen für alle Zeit verbannt.

Wenn das so einfach ist, warum macht die Politik das nicht?

Mit der Lizenz, Geld zu drucken, kann man alles kaufen, nicht nur Sachwerte. Die Wall Street ist Hauptsponsor des USWahlkampfes. In anderen Ländern ist das nur nicht so offensichtlich.


 

© 2009 boerse-online.de, © Illustration: Börse Online/Bert Bostelmann

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