Richard Werner ist Professor für International Banking an der University of Southampton. Der gebürtige Deutsche hat eine Gastprofessur für Monetäre Theorie an der Goethe-Universität Frankfurt.
Herr Werner, in London feiern Investmentbanker wieder, als ob es die Finanzkrise nie
gegeben hätte. Unterdessen versucht die Weltgemeinschaft, das Finanzsystem zu reformieren. Was erwarten Sie davon?
Nicht viel. Wie es aussieht, wird das
Grundproblem des Finanzsystems nicht
angegangen. Die Banken haben das Privileg,
über die Kreditvergabe Geld zu schöpfen.
Sie dürfen Geld neu schaffen und
entscheiden, wer wie viel für welche Zwecke
bekommt. Banken sind jedoch in Privatbesitz
und wollen Gewinne maximieren.
Sie müssen nicht nachdenken, ob ihr
Handeln für die Gesamtwirtschaft gut ist.
So sind die Regeln in einer freien Marktwirtschaft.
Was ist daran auszusetzen?
Dass die Banken Profite machen wollen,
ist ihnen ja auch nicht vorzuwerfen. Sie
reagieren nur auf Anreize der Gesetzgebung.
Das Problem dabei: Wenn private
Banken Geld nach dem Gewinnmaximierungsprinzip
schöpfen und verteilen, wird
es oft für unproduktive und gar destruktive
Zwecke eingesetzt. Ich denke an Kredite
für Hedge-Fonds, die den Ölpreis in
die Höhe treiben. Wenn Banken Kredite
für spekulative Zwecke vergeben, führt
das zu Blasen und Krisen. In den vergangenen
100 Jahren hatten wir schätzungsweise
200 Finanzkrisen. Allein in den
vergangenen 40 Jahren waren es über 100.
Kommt die Krise, fängt der Steuerzahler
alles auf. Das ist ein untragbares System.
Aber Notenbanken regeln die Geldströme.
Dort kommt doch die Geldmenge her.
Das glaubt die breite Masse. Nur ein bis
zwei Prozent der Geldmenge kommt von
den Zentralbanken. Es wird nur der Eindruck
erweckt, dass Zentralbanken die
Geldmenge erzeugen. In Wirklichkeit erfüllt
dies eine PR-Funktion. Die Bevölkerung
soll in diesem Glauben bleiben. 98
Prozent der Geldmenge schaffen Banken.
Diese Macht haben sie selbst nach der
Rettung durch die Regierungen noch.
Die Staaten versuchen, die Banken jetzt zur
Kreditvergabe zu bewegen.
Die Banken sammelten von den Regierungen
Hunderte von Milliarden ein, ohne an
irgendwelche Bedingungen gebunden zu
sein. Unter Druck werden die besten Abschlüsse
gemacht. Das ist im Finanzsektor
eine bekannte Verkaufsmethode.
Drängte nicht die Zeit, weil das gesamte
Finanzsystem
vor dem Kollaps stand?
Das wird uns suggeriert. Die Katastrophe
wäre nicht gekommen. Der Staat hatte
Möglichkeiten einzugreifen, und die Einlagen
waren gesichert.
Es entsteht der Eindruck, dass die Banken
einfach schlauer sind. Sind die Regierungen
so ohnmächtig, wie sie zuweilen wirken?
Ganz und gar nicht. Regierungen könnten
den Kreditmangel schnell beenden. Sie
sitzen auf dem dickeren Ast und haben
höchst effektive Druckmittel. Die Banken
haben das Recht und die Aufgabe, die
Geldmenge zu schaffen und in Umlauf zu
bringen. Wie man sich denken kann, ist
diese Lizenz äußerst lukrativ. Der Entzug
der Banklizenz oder besser noch dieses
Kreditschöpfungsprivilegs ist ein äußerst
wirkungsvolles Druckmittel. Wir müssen
uns fragen: Wollen wir wirklich die Geldmenge
von privaten, profitorientierten
Unternehmen verteilen lassen?
Das ist ein extremer Vorschlag, der logistisch
wohl kaum umzusetzen ist.
Ich finde das gegenwärtige System extrem.
Die Volksmeinung ist da sicher auf
meiner Seite. Aber als Kompromiss
könnte man das Privileg unter sehr strengen
Auflagen weiter vergeben. Meine
Minimalempfehlung
wäre, dass es Banken
verboten wird, Kredite an Firmen oder
Projekte zu vergeben, die nichts zum
Bruttoinlandsprodukt beitragen. Damit
wären alle Finanzspekulationen weg und
alle Bankenkrisen für alle Zeit verbannt.
Wenn das so einfach ist, warum macht die
Politik das nicht?
Mit der Lizenz, Geld zu drucken, kann
man alles kaufen, nicht nur Sachwerte.
Die Wall Street ist Hauptsponsor des USWahlkampfes.
In anderen Ländern ist das
nur nicht so offensichtlich.
Diesen Artikel bookmarken bei...