Wachstums- und Substanztitel sind derzeit bei den Anlegern nicht sonderlich beliebt. Doch sie bieten langfristig Chancen. Wie sie sich im Vergleich zu Wachstumstitel schlagen werden hängt vor allem vom Konjunkturverlauf ab.

Die schlechte Nachricht zuerst: Ob Anleger in Substanz- oder in Wachstumswerte investieren, ist zwar oft eine Glaubensfrage – macht bei kurzfristigen Kursstürzen aber kaum einen Unterschied. Seit Ende Juli ist der Aktienindex MSCI Europe Growth, der die Entwicklung europäischer Wachstumsaktien abbildet, um rund elf Prozent gefallen. Sein Substanzwertependant MSCI Europe Value verzeichnet im selben Zeitraum rund 13 Prozent Minus. „Derzeit leiden alle Aktien gleichermaßen“, fasst Franz-Josef Leven zusammen, Direktor des Deutschen Aktieninstituts. Spannend wird es, wenn sich abzeichnet, wie sich der Markt entwickelt. Denn Value- und Growth-Titel haben unterschiedliche Stärken, die sie in verschiedenen Marktphasen ausspielen können. Einer der Investmentstile könnte bald besser als der andere sein – die Frage ist nur, welcher.
Als substanzstark gelten Aktien, die sehr günstig zu haben sind, deren Emittenten aber mehr leisten können, als ihnen der Markt aktuell zutraut. Value-Unternehmen sollten also einen hohen inneren Wert haben, den der Markt erst noch erkennen muss. Klassische Substanztitel sind etwa die Aktien von Telekommunikationsunternehmen oder auch aus der Energiebranche, beispielsweise Papiere des Ölkonzerns Statoil. Value-Anleger müssen eine fundierte Meinung über den Wert eines Konzerns haben und einschätzen können, ob eine Aktie bereits günstig bewertet ist, oder ob sie erst noch weiter fallen wird, bevor sie wieder steigt. „Viele Investoren kaufen zu früh“, warnt Thomas Schüssler, Manager eines Value-Fonds bei der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS.
Growth-Investoren haben das umgekehrte Problem. Als Wachstumstitel gelten Papiere von Unternehmen, die zwar nicht unbedingt billig, aber doch unterbewertet sind, weil ihre Emittenten langfristig stark wachsen dürften – und zwar nicht nur, wenn alle anderen zulegen. „Wir suchen nach Unternehmen, die strukturell wachsen. Sie sollen ein überproportional hohes Ertragswachstum über den gesamten Konjunkturzyklus aufweisen“, sagt Heiko Veit, Manager eines Growth-Fonds bei der Privatbank Metzler. Hier ist die Herausforderung nicht der richtige Einstiegs-, sondern der richtige Ausstiegszeitpunkt. Irgendwann verlangsamen die Wachstumsraten jedes Unternehmens. Growth-Titel sind etwa die Aktien des Nahrungsmittelgiganten
Nestlé oder des Technologiekonzerns Apple.
Mit Wachstumsaktien sind Anleger zu Hochzeiten der Krise Ende des Jahres 2008 und Anfang 2009 am besten gefahren. Die Titel verloren zwar, so wie alle Aktien. „In einem Abschwung oder im hinteren Teil eines Konjunkturzyklus hält sich Growth aber in der Regel besser als Value“, sagt DWS-Manager Schüssler. Denn die betreffenden Unternehmen versprechen immerhin, sich langfristig mehr als zu erholen, und müssen zudem im Kern stabil sein. Substanzanleger dagegen profitierten, als es ab Sommer 2009 wieder aufwärts ging. „Value funktioniert besonders gut in Erholungsphasen“, bestätigt Schüssler. Denn die Unternehmen stammen oft aus zyklischen Branchen. Sie leiden stärker, wenn es bergab geht, erholen sich aber auch schneller.

Welcher der beiden Stile in der nächsten Zeit die Nase vorn haben wird, hängt davon ab, wie es tatsächlich um die Wirtschaft steht: Ob die jüngsten Börsenturbulenzen eine längere Phase schwacher Konjunktur angekündigt haben oder ob sie lediglich ein Ausrutscher waren. „Sind wir in einem Zwischentief, von dem der Markt sich wieder erholt, werden sich Value-Titel bald gut entwickeln“, sagt Schüssler. Dann dürfte jetzt die Erholungsphase folgen, von der die zyklischen Substanzpapiere profitieren. „Treten wir jetzt in eine Phase anämischen Wachstums ein, spricht viel dafür, dass sich Growth-Titel gut entwickeln werden“, sagt dagegen Metzler-Manager Veit. Ohne den Schwung aus einem zyklischen Wachstum bleiben viele Value-Titel auf der Strecke, während Growth-Papiere im Vergleich überproportional zulegen dürften.
Die jüngsten, schwachen Wirtschaftsdaten aus Deutschland könnten zumindest in Europa auf eine wackelige Konjunktur hindeuten. Ökonomen sind sich allerdings uneins. Die unterschiedlichen Zukunftsaussichten für Wachstums- und Substanzpapiere waren für Anlegern zuletzt auch egal: „In Crash-Phasen betrachten Anleger keine Fundamentaldaten und differenzieren nicht nach Value und Growth. Sondern flüchten generell aus Aktien“, sagt Veit. „Sie unterscheiden erst dann wieder, wenn sich der Staub gelegt hat.“
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