Sein internationaler Alleingang brachte dem Finanzminister den Vorwurf des Aktionismus ein. Deutsche Aktienhändler attestieren dem Kassenwart aber einen Erfolg - auch wenn der IWF das ganz anders sieht.
Das Verbot ungedeckter Leerverkäufe bestimmter Wertpapiere in Deutschland wirkt sich an den Märkten laut Händlern positiv aus. Seit Inkrafttreten des Verbots Mitte Mai beobachten sie deutlich weniger Kurssprünge im kurzfristigen Handel am Aktien- und Rentenmarkt. "Der Druck auf einige Aktien ist in Phasen starker Abwärtsbewegungen zurückgegangen", sagte Matthias Jasper, Chefhändler der WGZ Bank. Auch Fidel Helmer, Leiter des Wertpapierhandels bei Hauck & Aufhäuser, bestätigt: "Die Umsätze sind geringer geworden."
Damit erfüllt das im Mai auf Weisung von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) erlassene Verbot, mit bestimmten deutschen Finanzaktien, Staatsanleihen der Euro-Länder sowie Kreditausfallversicherungen zu handeln, zumindest teilweise seinen Zweck - anders als von Kritikern befürchtet. Die Regierung hatte den Handelsstopp seinerzeit mit immer heftigeren Kursausschlägen im Zuge der Euro-Schuldenkrise begründet.
Finanzexperten geißelten die Maßnahmen als wirkungslos, ebenso wie viele EU-Regierungen. Ein solches Verbot sei nur erfolgreich, sofern Deutschland auf einen Alleingang verzichte und gemeinsam an einer internationalen Lösung arbeite, hieß es. Zudem spielten ungedeckte Leerverkäufe im Handel eine unbedeutende Rolle.
Auswirkungen vor allem auf den Intradayhandel
Leerverkäufer leihen sich Wertpapiere und veräußern sie in der Hoffnung, sich billiger wieder einzudecken, um anschließend die Kursdifferenz abzüglich Leihgebühr als Gewinn einzustreichen. Bei ungedeckten Leerverkäufen gehen sie einen Schritt weiter und geben nur vor, die Aktie zu besitzen.
Ungedeckte Leerverkäufe nutzen Investoren vor allem im Intradayhandel, um etwa nach der Veröffentlichung von Unternehmenszahlen oder anderen marktbewegenden Nachrichten schnell auf fallende Kurse spekulieren zu können. Gedeckt waren solche Blitz-Leerverkäufe nicht, da es Zeit braucht, die Papiere zuvor zu leihen. Allerdings sind diese Wetten auch besonders riskant: Steigt die Aktie entgegen der Erwartung, müssen Händler notfalls jeden Preis bezahlen, um die Papiere dem Käufer auch liefern zu können.
Was Marktteilnehmer jetzt im Tagesgeschäft beobachten, zeichnet ein völlig anderes Bild von der Wirkungskraft des "Schäuble-Verbots": "Die These, dass ein Verbot von ungedeckten Leerverkäufen keinen Effekt auf die Märkte hat, kann so nicht gehalten werden", sagte ein Händler. Auswirkungen habe das neue Gesetz so vor allem auf Positionen, die am gleichen Tag eröffnet und wieder geschlossen werden - den Intradayhandel also.
Betroffen vom Verbot sind deshalb laut Händlern nun vor allem Hedge-Fonds und ausländische Investoren. "Vor allem sie haben in der Vergangenheit immer wieder die gleiche Klaviatur gespielt: erst kurzfristig draufhauen und dann später im Tagesverlauf wieder eindecken", sagte ein Händler.
IWF widerspricht aufgrund anderer Daten
Eine aktuelle Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) kommt dagegen zu einem komplett anderen Urteil. Ein Alleingang einzelner Länder bei Verboten für ungedeckte Leerverkäufe sei "unnötig verzerrend und ungenügend effizient", heißt es in dem Papier.
Der IWF kommt zu dem Ergebnis, dass durch solche Verbote die Kursschwankungen an den Märkten sogar deutlich zugenommen hätten. Das hatten zahlreiche Beobachter zunächst als Kritik am Schäuble-Verbot gewertet.
Allerdings wertete der IWF nicht etwa die Entwicklung der Märkte seit dessen Inkrafttreten im Mai 2010 aus. Vielmehr untersuchte der Fonds den Zeitraum 15 Wochen vor und nach dem 19. September 2008- also kurz nach der Pleite der US-Bank
Lehman Brothers, in deren Folge zahlreiche Regierungen in Europa und den USA ungedeckte Leerverkäufe vorübergehend verboten hatten. Hinzu kommt: Die wilden Kursausschläge der Zeit rund um die Lehman-Pleite waren vor allem auf die ohnehin große Nervosität der Anleger zurückzuführen - und nicht etwa auf ein Verbot ungedeckter Leerverkäufe.
Händler haben in den vergangen Monaten noch ein weiteres Phänomen beobachtet: Die Leerverkäufe seien insgesamt zurückgegangen, was vor allem mit der weiterhin bestehenden Rechtsunsicherheit zusammenhänge. Das Gesetz sei zwar in Kraft, bis heute sei aber dennoch vielen Händlern nicht klar, was legal ist und was nicht: "Jedes Fragezeichen im Gesetz geht auf Kosten des Umsatzes", sagte Aktienhändler Helmer.
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