Herr Oppenheimer, Sie haben in
Ihrer letzten Studie zum europäischen
Aktienmarkt Ihr Kursziel
für den Auswahlindex Stoxx 600
leicht angehoben. Warum?
Peter Oppenheimer: Die günstige Kreditvergabe
der Europäischen Zentralbank
über einen Zeitraum von drei
Jahren an europäische Banken verringert
unserer Meinung nach das systemische
Risiko durch Banken und hilft
dadurch natürlich Bankaktien. Zudem
haben sich die Wirtschaftsdaten zuletzt
besser entwickelt, als wir noch
im November erwartet hatten. Die
letzten Einkaufsmanagerindizes waren
gut, und diese Daten stimulieren
in der Regel auch den Aktienmarkt.
Also langfristig steigende Kurse?
Oppenheimer: Langfristig ja, unsere
Grundaussage, dass wir von fallenden
Märkten über die nächsten Monate
ausgehen, bleibt jedoch bestehen. Das
hängt damit zusammen, dass sich die
volkswirtschaftliche Aktivität in Europa
weiter abschwächt. Unternehmensgewinne
könnten sinken, und
die Spannungen durch die Staatsschuldenkrise
könnten sich verschärfen,
bevor eine Erholung einsetzt.
Halten Sie den Drei-Jahres-Tender
der EZB für eine nachhaltige
Lösung der Bankenprobleme?
Oppenheimer: Bisher war keine Maßnahme
nachhaltig genug, alle Probleme
zu lösen. Die Frage ist, ob der
Tender genügend Zeit schafft, um von
der derzeitigen abnormalen Situation
zu einer Entspannung in der Kreditkrise
im Interbankenmarkt zu kommen.
Drei Jahre sind eine lange Zeit.
Andere Notenbanken greifen nicht zu
so aggressiven Maßnahmen.
Aber Bankaktien würden Sie dennoch
nicht empfehlen?
Oppenheimer: Wir haben unsere Empfehlung
von „Untergewichten“ auf
„Neutral“ angehoben, aber der Tender
ist kein Substitut für Schuldenabbau
und Kapitalanhäufung. Deshalb bleiben
Möglichkeiten des Kreditwachstums,
die ein Gewinntreiber sind,
nach wie vor moderat.
Für welche Sektoren sehen Sie in
den kommenden Monaten gute
Chancen am Aktienmarkt?
Oppenheimer: Wir mögen den Energiesektor,
weil wir erwarten, dass der
Ölpreis auf rund 130 Dollar das Fass
steigt, und weil die Konzerne gute
Bilanzen vorweisen. Außerdem haben
wir Unternehmen aus der Gesundheits-
und Pflegebranche sowie aus
den Bereichen Luxusgüter, Tabak und
Telekommunikation übergewichtet.
Recht defensive und konjunkturunabhängige
Sektoren. Wobei wir nicht
alle defensiven Branchen übergewichten
– Nahrungsmittelkonzerne
halten wir beispielsweise für zu teuer.
Aber auf keinen Fall Konzerne, die
konjunkturabhängig sind?
Oppenheimer: Bei den meisten zyklischen
Sektoren – ausgenommen Industrien
mit einem starkem Anteil in
Heimatmärkten – sind wir neutral.
Zwar mögen wir viele zyklische Unternehmen
strukturell. Aber es ist wegen
des Abschwungs der europäischen Industrie
zu früh, um zuzukaufen. Aber
die globale Wirtschaft zieht an, und
die meisten Industriekonzerne in
Europa sind global sehr gut und breit
aufgestellt.
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