Interview

Kurzinterview "Die nächsten Monate fällt der Markt"

[15:21, 30.01.12]


Das Risiko durch die Euro-Krise ist zu groß für eine schnelle Erholung, glaubt Peter Oppenheimer, Leiter der globalen Aktienstrategie bei  Goldman Sachs. Dennoch sieht er Sektoren mit guten Chancen.


Herr Oppenheimer, Sie haben in Ihrer letzten Studie zum europäischen Aktienmarkt Ihr Kursziel für den Auswahlindex Stoxx 600 leicht angehoben. Warum?

Peter Oppenheimer: Die günstige Kreditvergabe der Europäischen Zentralbank über einen Zeitraum von drei Jahren an europäische Banken verringert unserer Meinung nach das systemische Risiko durch Banken und hilft dadurch natürlich Bankaktien. Zudem haben sich die Wirtschaftsdaten zuletzt besser entwickelt, als wir noch im November erwartet hatten. Die letzten Einkaufsmanagerindizes waren gut, und diese Daten stimulieren in der Regel auch den Aktienmarkt.

Also langfristig steigende Kurse?

Oppenheimer: Langfristig ja, unsere Grundaussage, dass wir von fallenden Märkten über die nächsten Monate ausgehen, bleibt jedoch bestehen. Das hängt damit zusammen, dass sich die volkswirtschaftliche Aktivität in Europa weiter abschwächt. Unternehmensgewinne könnten sinken, und die Spannungen durch die Staatsschuldenkrise könnten sich verschärfen, bevor eine Erholung einsetzt.

Halten Sie den Drei-Jahres-Tender der EZB für eine nachhaltige Lösung der Bankenprobleme?

Oppenheimer: Bisher war keine Maßnahme nachhaltig genug, alle Probleme zu lösen. Die Frage ist, ob der Tender genügend Zeit schafft, um von der derzeitigen abnormalen Situation zu einer Entspannung in der Kreditkrise im Interbankenmarkt zu kommen. Drei Jahre sind eine lange Zeit. Andere Notenbanken greifen nicht zu so aggressiven Maßnahmen.

Aber Bankaktien würden Sie dennoch nicht empfehlen?

Oppenheimer: Wir haben unsere Empfehlung von „Untergewichten“ auf „Neutral“ angehoben, aber der Tender ist kein Substitut für Schuldenabbau und Kapitalanhäufung. Deshalb bleiben Möglichkeiten des Kreditwachstums, die ein Gewinntreiber sind, nach wie vor moderat.

Für welche Sektoren sehen Sie in den kommenden Monaten gute Chancen am Aktienmarkt?

Oppenheimer: Wir mögen den Energiesektor, weil wir erwarten, dass der Ölpreis auf rund 130 Dollar das Fass steigt, und weil die Konzerne gute Bilanzen vorweisen. Außerdem haben wir Unternehmen aus der Gesundheits- und Pflegebranche sowie aus den Bereichen Luxusgüter, Tabak und Telekommunikation übergewichtet. Recht defensive und konjunkturunabhängige Sektoren. Wobei wir nicht alle defensiven Branchen übergewichten – Nahrungsmittelkonzerne halten wir beispielsweise für zu teuer.

Aber auf keinen Fall Konzerne, die konjunkturabhängig sind?

Oppenheimer: Bei den meisten zyklischen Sektoren – ausgenommen Industrien mit einem starkem Anteil in Heimatmärkten – sind wir neutral. Zwar mögen wir viele zyklische Unternehmen strukturell. Aber es ist wegen des Abschwungs der europäischen Industrie zu früh, um zuzukaufen. Aber die globale Wirtschaft zieht an, und die meisten Industriekonzerne in Europa sind global sehr gut und breit aufgestellt.


 

© 2012 ftd

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