An diesem Abend Mitte Januar sieht zunächst alles danach aus, als würde erneut ein Sturm die Finanzmärkte treffen. 16-mal spricht die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) nach Börsenschluss ihr Urteil, 16-mal gibt sie zu später Stunde neue Einschätzungen zur Schuldenlast der einzelnen Euro-Staaten ab. Politisch brisant sind vor allem zwei: die Herabstufungen Frankreichs und Österreichs.
Die Staatsanleihen beider Länder verlieren die Bestnote "AAA". Und das ist erst der Anfang. In den folgenden Tagen senken die Analysten nicht nur den Daumen über viele Unternehmen, an denen Frankreich oder Österreich Beteiligungen halten. Auch der europäische Rettungsfonds EFSF muss die Bestnote abgeben, seine Anleihen bewertet S&P nur noch mit der zweithöchsten Note "AA+"; zwei wesentliche Garantiegeber des Fonds stehen laut S&P schließlich schlechter da.
Eine Herabstufungswelle mit Folgen sollte man meinen. Doch von den Schreckenssignalen, mit denen die Rentenmärkte die Investoren seit Ausbruch der Schuldenkrise in Atem halten, ist nichts zu sehen. Kein Renditeanstieg, keine dramatischen Kursverluste. Die Notierungen französischer und österreichischer Staatsanleihen legten sogar zeitweilig leicht zu. Gleiches gilt für EFSF-Papiere und Anleihen von staatsnahen Unternehmen wie Österreichs Bahnkonzern ÖBB oder Frankreichs Flughafenbetreiber
Aéroports de Paris.
Mutige Anleger, die die Massenherabstufung zum günstigen Einstieg in Frankreich und Österreich nutzen wollen, müssen sich also gedulden. Die Gelegenheit kann aber schnell kommen: Europas Schuldendrama kann jederzeit eine Wendung nehmen, die die Renditen der früheren Top-Papiere kräftig steigen lässt.
Warum aber fällt die Reaktion an den Märkten bisher so entspannt aus? "Rein intuitiv würde man Kursverluste erwarten", sagt Martin Güth von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW): "Doch schlechtere Noten hatten die Marktakteure schlicht einkalkuliert." Schon Anfang Dezember kündigte S&P an, die Bewertungen der Euro-Staaten zu überprüfen. Mit Herabstufungen war zu rechnen. Zumal viele Investoren längst Zweifel an der Bestnote für französische und österreichische Papiere hegten: Im vorigen Jahr hatte sich der Renditeabstand zu Bundesanleihen bei Bonds mit zehnjähriger Laufzeit auf über einen Prozentpunkt vergrößert. Mit Blick auf die Anleihekurse spielten die Staaten bereits vor der Herunterstufung nicht mehr in derselben Liga.
"Bei einer unerwarteten Herabstufung um beispielsweise zwei Notenstufen wäre die Reaktion vermutlich stärker gewesen", so Güth. Unerwartetes kann in den nächsten Wochen durchaus passieren. Auch Moody's und Fitch haben angekündigt, die Noten von Euro-Staaten zu überprüfen. Kommt es dabei zu Überraschungen, dürften sich für mutige Anleger günstige Einstiegsgelegenheiten bieten.
Es ist aber nicht allein dieser Effekt, der zu höheren Renditen führen könnte. Auch ein zweiter Punkt ist entscheidend, das Marktumfeld. "Ist die Stimmung unter den Investoren insgesamt gut, sehen sie über Herabstufungen hinweg", erläutert Valentin Hofstätter, Leiter der Staatsanleiheanalyse bei der österreichischen Raiffeisen Bank International: "Ist die Stimmung sowieso schon schlecht, erhalten sie ein noch höheres Gewicht."
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