Meinungen

Werner Hedrich Europa und Euro brechen zu neuen Ufern auf

[10:55, 18.01.12]


Werner Hedrich leitet seit 2011 die Morningstar-Ver­tretungen in Frankfurt, München und Wien. Zuvor verantwortete er in den Jahren 2005 bis 2010 das Morningstar-Research in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Für BÖRSE ONLINE blickt Hedrich regelmäßig auf die Entwicklungen in der Fondsbranche.
E-Mail: perspektiven@boerse-online.de


Eine Prognose für das Jahr 2012 hat etwas Visionäres. Der Euro wird das Thema an den Märkten bleiben. Als überzeugter Europäer glaube ich an die Entwicklung hin zu einer politischen Union. Die politischen und ökonomischen Kosten einer De-Integration wären einfach zu hoch und unabschätzbar. Damit wage ich nur die eine Prognose: Das Jahr 2012 wird recht volatil an den europäischen Aktien- und Anleihemärkten. Eine eng verzahnte Euro-Zone wird sich nicht von heute auf morgen herausbilden. Deshalb das heftige Auf und Ab an den Märkten. Gleichzeitig sieht es so aus, als ob es wirtschaftlich in den USA und den Schwellenländern leicht aufwärtsginge. Anleger sollten demnach den US-Aktienmarkt und die Emerging Markets beachten. Dabei würde ich breit diversifizierende Schwellenländerfonds grundsätzlich Regionen- oder Bric-Fonds vorziehen. Der Verweis auf nachlassende wirtschaftliche Aktivität in China ist zwar zutreffend. Ich bin aber davon überzeugt, dass von China aus in den nächsten Jahren kein externer Schock für die Weltwirtschaft ausgehen wird. China ist eine marktwirtschaftliche Staats­ökonomie, die als oberstes Ziel Wachstum hat.

Die Unruhe an den Euro-Zone-Anleihemärkten hat auch zu Chancen geführt. Die Renditen für spanische oder italienische Anleihen sind attraktiv, wenn man der Annahme folgt, dass die Euro-Zone in zwei Jahren noch existiert. Ist des Sparers größter Feind Inflation im Jahr 2012 ein Thema? Denen, die dies prognostizieren, entgegne ich: Schön wär's! Steigende Geldentwertung würde nämlich steigende Löhne, Warenpreise und wirtschaftliche Aktivität bedeuten. Über der Euro-Zone schwebt aber aufgrund der volkswirtschaftlichen Verwerfung eher Nullwachstum oder gar Schrumpfung. Ein Risiko sehe ich eher an den Anleihemärkten Großbritanniens, Japans oder den USA. Auch diese Märkte für Staatsschulden könnten den gleichen Vertrauensverlust erleiden wie die Euro-Zone. Investoren sollten den durch politische Instabilität im Iran und in Nordafrika beeinflussten Ölpreis im Blick behalten. Warum nicht ein paar dividendenstarke Ölkonzerne als Absicherung ins Portfolio nehmen?

Goldinvestoren oder denjenigen, die Gold in welcher Form auch immer erwerben wollen, rate ich, genau die Investment­vehikel zu analysieren. Wer Gold als Absicherung gegen einen Kollaps des Bankensystems kauft, der sollte ETNs (Exchange-Traded Notes) mit Basiswert Gold meiden. Denn diese Papiere sind Schuldverschreibungen von Banken. Was nutzen Bankschuldtitel, wenn das Finanzsystem kollabiert und man mit einer Forderung gegenüber einer Bank dasteht? Gegen den Weltuntergang hilft nur, Goldbarren im Garten zu vergraben. So spart man wenigstens die Lagergebühren. Trotzdem sollten Anleger sich fragen, ob Gold eine Rendite erwirtschaftet. Was ist eigentlich der faire Preis für eine Unze Gold? Mein Wunschszenario für 2012 ist demnach: Europa und der Euro brechen zu neuen Ufern auf, strafen die Bedenkenträger Lügen, was tendenziell zu rückläufigen Renditen in Spanien und Italien führt. Dabei hilft die EZB mit Anleihekäufen nach, zieht sich aber schrittweise zurück. Die Aktienmärkte werden dies honorieren - unter heftigen Schwankungen.

 

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