Mikus

Anja Mikus Der Preis der Sicherheit ist extrem hoch

[10:30, 14.12.11]


Es ist schon lange her, dass ich Zinspapiere erlebt habe, die mit negativem Zins gehandelt wurden. Im Frühjahr 1999 lagen die Renditen japanischer Geldmarktpapiere zeitweise im negativen Bereich. Angesichts der Finanz- und Schuldenkrise hat uns die japanische Realität eingeholt. Erstmals haben die Renditen von Schatzanweisungen mit einjähriger Rest­lauf- zeit die Null-Prozent-Linie durchbrochen. Sicherheit wird teuer bezahlt. Investoren wollen auf jeden Fall verhindern, kurz vor Jahresende zusätzliche Risiken in ihre Bilanzen zu nehmen. Dann kaufen sie lieber die sicheren und sehr liquiden Kurzläufer des Bundes, auch mit nominaler Negativrendite.

Die anhaltende Unsicherheit aufgrund der Staatsschuldenkrise führt zu Ungleichgewichten und Fehlallokationen, die in der Realwirtschaft Wachstum kosten und Werte dauerhaft ver- nichten. Negativzinsen sind nur ein Beispiel. Die Kapitalmärkte sind ausgetrocknet, und die Gefahr einer sich schnell ausbrei- tenden Kreditklemme nimmt zu. Für die Politik ist es in dieser angespannten Situation oberstes Gebot, das Vertrauen der Finanzmärkte wiederzugewinnen. Dazu wird es notwendig sein, den Willen zur politischen Einheit und Integration Europas vertraglich glaubhaft zu verankern und den Prozess mit einem Zeitplan zu versehen. Zwar gab es auch bislang die Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspakts. Diese wurden jedoch auch von den großen Ländern nicht eingehalten, woraus die heutigen Störungen resultieren.

Die Regeln zur Haushaltsdisziplin müssen deshalb über verschärfte Sanktionen in die nationalen Verfassungen aufge- nommen werden. Zinsdifferenzen dürfen dagegen nicht über Eurobonds ausgehebelt werden. Aus Investorensicht sind Eurobonds insbesondere dann nicht die Lösung, wenn so den schwachen Ländern die Schuldenaufnahme durchgängig er- leichtert wird und die Bereitschaft der starken Länder abnimmt, dafür uneingeschränkt und langfristig aufzukommen.

Inzwischen spricht einiges dafür, dass die Politik die not- wendigen Schritte unternehmen wird und den vorgezeichneten Weg zur Beendigung der Krise auch tatsächlich geht. Die Ergebnisse auf dem jüngsten EU-Gipfel könnten hier für Fort- schritte sorgen: die Fiskalunion als notwendige Ergänzung zur Währungsunion, das Vorziehen des dauerhaften Rettungsschirms ESM und die geplante Installierung von Schulden-bremsen in allen nationalen Verfassungen. In der Übergangsphase bedarf es jedoch noch der Unterstützung durch die EZB. Sie sollte in Stressphasen pragmatisch Staatsanleihen der krisengeschüttelten Länder ankaufen. Nur dann stehen die Chancen gut, dass das Endspiel um den Euro gewonnen wird.

Bis es so weit ist, setzen Investoren weiter auf Sicherheit, und internationale Anleger bleiben der Euro-Zone fern. Dabei können schon erste positive Meldungen in diesem überverkauften Umfeld zu schnellen Kursgewinnen führen. Auch auf der Unternehmensseite sind die Aussichten trotz des Gegenwinds von der Konjunktur grundsätzlich gut. Davon sollten Aktien wie Unternehmensanleihen profitieren. Höhere Renditen versprechen ausgewählte Anleihen aus den Emerging Markets. In Zeiten, in denen der Preis für Sicherheit extrem hoch ist, führt an der Bereitschaft zu etwas mehr Risiko kein Weg vorbei.



Anja Mikus ist Leiterin Portfoliomanagement bei der Fondsgesellschaft Union Investment.
Die Kapitalmarktexpertin analysiert in ihren regelmäßigen Beiträgen für BÖRSE ONLINE die Gelegenheiten und die Risiken, die sich an den Finanzmärkten kurz- und langfristig bieten.





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