Die extremen Ungleichgewichte an den internationalen Finanzmärkten verunsichern die Investoren in hohem Maße, und die Lage hat sich durch die jüngsten Entwicklungen am italienischen Rentenmarkt weiter verschärft. Risikoarme Anlagen werden so stark nachgefragt, dass sie keine nennenswerten Renditen mehr abwerfen. Risikoreiche Anlagen werden trotz hoher Renditen und günstiger Bewertungen konsequent gemieden. Schwache Schuldner benötigen jedoch immens viel Kapital. Deshalb ist die Staatsschuldenkrise der Euro-Peripherieländer das Thema Nummer eins. Da Griechenland nicht wie geplant schon 2012 an die Kapitalmärkte zurückkehren kann, wird zusätzlich ein zweites Hilfspaket zur Überbrückung bis 2015 notwendig. Alle Beteiligten hoffen nun, dass Griechenland bis 2015 durch staatliche Sparmaßnahmen, Privatisierungen und die Durchsetzung von Steuererhöhungen das Vertrauen privater Investoren wiedergewinnen kann.
Den Regierungen der Geberländer geht es vor allem darum, Ansteckungsgefahren bis in den Bankensektor und in die übrigen Euro-Länder möglichst zu begrenzen. Für erkennbare Fortschritte bei den Haushaltssanierungen ist jedoch deutlich mehr Zeit erforderlich als zunächst erwartet. Einen kurzfristigen Befreiungsschlag kann es deshalb nicht geben.
In der Zwischenzeit werden die Risikoaufschläge weiter zulegen und die Anleihekurse der angeschlagenen Länder auf Talfahrt schicken. Die Finanzmärkte warten nicht auf langfristige Ergebnisse, sondern bringen ihre Erwartungen ohne Zeitverzug über fallende Kurse zum Ausdruck. Dabei wird der starke politische Wille, eine langfristige Perspektive für die Euro-Zone sicherzustellen, sicherlich unterschätzt. Auch dass die Geberländer in ihrem eigensten Interesse in der Pflicht sind, wird ausgeblendet. Das belegt nicht zuletzt die Entwicklung von Bundesanleihen. Die zehnjährigen Bundrenditen durchbrachen ihre bisherigen Jahrestiefstände und liegen aktuell bei gerade einmal 2,6 Prozent. Inflationsängste sind angesichts der Schuldenkrise kein Thema für Käufer deutscher Staatstitel.
Die Ratingagenturen stehen in der Kritik. Fragwürdig erscheint einerseits die wiederholt späte Herabstufung angeschlagener Länder und andererseits, dass Downgrades oft erst dann erfolgen, wenn Unterstützungs- oder Sparmaßnahmen bereits verabschiedet worden sind. Gegenüber US-Schuldnern verhalten sich die Ratingagenturen anscheinend großzügiger. Allerdings haben die staatlichen Aufsichtsbehörden die Ratings selbst institutionalisiert, indem sie sich an den Noten der drei großen Agenturen orientieren.
Ihre Fortsetzung findet die Schuldenkrise in den Vereinigten Staaten. Dort belasten nicht nur die Konjunkturschwäche und fallende Immobilienpreise, sondern auch massive fiskalische Probleme und enorme Schuldenlasten auf nationaler und bundesstaatlicher Ebene. Bei der Konsolidierung des Staatshaushalts steht Amerika erst am Anfang. Die US-Schuldenkrise hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht.
In diesem krisengeschüttelten Umfeld und angesichts politischer Börsen sollten Anleger verstärkt auf risikoarme Anlagen setzen, um ein solides Fundament für die Vermögensanlage zu schaffen. Als Ergänzung dazu sollten die günstigen Aktienbewertungen genutzt werden, um schrittweise außerhalb des Bankensektors in realwirtschaftliche Titel zu investieren.

Anja Mikus ist Leiterin Portfoliomanagement bei der Fondsgesellschaft
Union Investment.
Die Kapitalmarktexpertin analysiert in ihren regelmäßigen Beiträgen für BÖRSE ONLINE die Gelegenheiten und die Risiken, die sich an den Finanzmärkten kurz- und langfristig bieten.
Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit! Schreiben Sie uns zu diesem Beitrag Ihren Kommentar. Wir freuen uns über einen lebhaften Austausch.
Die neue Ausgabe von BÖRSE ONLINE erscheint am 21. Juli. Sollten wir Ihr Interesse geweckt haben, dann schließen Sie doch gleich ein Probeabo ab. Informieren Sie sich in unserem
Abo-Shop.
Empfehlen