Obwohl ETFs als transparent und gut vergleichbar gelten, tun sich Analysten mit eigenen Ratings für die Indexfonds sehr schwer. Es fehlen einheitliche Kennzahlen.

Die Herren aus New York hatten
den Mund ziemlich voll
genommen. „Ende des Jahres“,
so hatte die US-Firma
Marco Polo XTF bereits im März 2009
verkündet, wolle man mit seinem
ETF-Rating auf den deutschen Markt
kommen. Passiert ist bis heute
nichts, mehr als anderthalb Jahre
später. Man habe, hieß es zwischenzeitlich
kleinlaut, „die Komplexität
des deutschen Marktes“ unterschätzt.
„Die Sache ist ein wenig ins
Stocken geraten“, gibt Mel Herman,
Chef des US-Ratinganbieters, zu.
Und nennt als Grund: „Wir müssen
unsere Methodik überarbeiten.“
Aber auch hiesige Ratinganbieter
tun sich nicht unbedingt leicht. Bisher
wagen sich lediglich das Schweizer
Fondsanalysehaus Fundexplorer
und die Berliner Agentur Scope an
Ratings speziell für ETFs. Daneben
gibt es noch das vereinfachte ETFRating
des Aschaffenburger Infoportals
Smarter investieren, das sich
aber eher an Privatkunden richtet als
an Profiinvestoren. Fondsratings von
Morningstar, Lipper oder Feri beziehen
ETFs zwar ebenfalls in ihre
Wertetabellen ein – verwenden dabei
aber dieselben Kriterien wie bei herkömmlichen
Investmentfonds.
Die Branche ist mit den verfügbaren
Ratings alles andere als glücklich.
75 Prozent der Anbieter von ETFs, so
hat eine Umfrage der Münchner
Analysten von Fondsconsult ergeben,
halten Indexfonds-Ratings in
Deutschland für verbesserungsbedürftig,
die Hälfte findet die Ansätze
gar „schlecht“ oder „sehr schlecht“.
Institutionelle Investoren, die mit
Abstand wichtigsten Abnehmer von
ETFs, bewerten die Lage ähnlich kritisch.
„Kein bestehendes ETF-Rating
erfüllt deren Anforderungen“, sagt
Fondsconsult-Chef Rüdiger Sälzle:
„Die Ansätze sind sehr rudimentär.“
Dass ETF-Ratings sinnvoll sind, daran
besteht für Ratingexperte Oliver
Everling kein Zweifel: „Immer dann,
wenn Anleger zwischen verschiedenen
Anlageprodukten wählen können,
sollten sie das anhand sinnvoller
Kriterien tun“, sagt Everling. „Der
Anleger profitiert von jedem Rating.“
Marco Polo XTF ist bisher an dem
Umstand gescheitert, dass hierzulande
Swap-basierte ETFs erlaubt
sind. Bei diesen Fonds sorgen spezielle
Derivate für die Performance.
Seine Kollegen, sagt XTF-Chef Herman,
hätten es bisher nicht
geschafft, die notwendigen Daten
zusammen zu bekommen, um neue
Ratingstandards zu entwickeln.
Dieselbe Frage beschäftigt auch
die Ratingagentur Scope. „Der Swap-
Anteil ist zwar in der Regel gering“,
sagt Scope-Analyst Sasa Perovic.
„Aber es ergibt sich daraus ein
latentes Risiko für Anleger.“ Die Berliner
prüfen deshalb die Bonität der
Swap-Kontrahenten. Oder den Mechanismus,
mit dem Anbieter das Insolvenzrisiko
von Swaps absichern.
„ETFs sind grundsätzlich anders
konzipiert als klassische Fonds“, sagt
Perovic. Bei ETFs gibt es kein aktives
Fondsmanagement, es gilt, möglichst
genau mit dem Index Schritt zu
halten. Deshalb betrachten ETF-Ratings
eher die Produkthülle, die Kosten,
also An- und Verkaufsspanne,
Replikationsqualität und Tracking
Error, die Abweichung vom zugrunde
liegenden Index. Die Kosten sind dabei
das geringste Problem. Alle drei
Anbieter messen die Gesamtkosten
der Börsenfonds über die
Total Expense
Ratio (TER). Und sie lassen die
Höhe der Spreads in die Bewertung
einfließen, die Differenz zwischen
dem An- und Verkaufskurs von ETFs
an der Börse.
Bei der Frage, wie genau ETFs
einen Index abbilden, wird es schon
schwieriger. Denn die Datenbasis ist
nicht einheitlich, sagt Fondsconsult-
Chef Sälzle. ETF-Anbieter forderten,
den Nettoinventarwert (NAV) des
Fonds zugrunde zu legen, den sie
selbst veröffentlichen. Es gibt aber
auch den indikativen NAV, der auf
Grundlage des ETF-Wertpapierkorbes
alle paar Sekunden von der Börse
berechnet wird. Der iNAV basiere
letztlich auf Schätzungen, sagt Sälzle.
„Hier reichen bereits minimale Abweichungen,
die zu einem mehr oder
weniger signifikanten Tracking Error
führen können.“
Der nächste Knackpunkt ist der
Tracking Error selbst. „Es existieren
unterschiedliche Marktmeinungen
zur richtigen Berechnung“, sagt
Jakob Baur, Gründer und Chef der
Schweizer Firma Fundexplorer, der
als Erster deutschsprachige ETFRatings
veröffentlichte. „Nimmt man
nun den relativen oder den absoluten
Tracking Error?“ Deshalb bewertet
Baur die Abweichung der ETFs
von ihrem Basisindex erst gar nicht.
Dann das Handelsvolumen eines
ETF: Zählen hier nur die ETF-Anteile,
die an Börsen ge- und verkauft werden?
Solche Zahlen sind bei den
Handelsplätzen selbst leicht zu
erfahren – und so erfassen auch Ratinganbieter
dieses Maß. Experten
schätzen aber, dass bereits bis zu
75 Prozent der ETF-Anteile außerhalb
der Börse gehandelt werden,
also Over the-Counter (OTC).
Ratinganbieter Scope hält die „Indexqualität“
für einen der „wichtigsten
Parameter“ im Rating überhaupt.
„Der Anleger muss – insbesondere
bei Themen- oder Strategie-ETFs –
wissen, was er sich in das Portfolio
holt und wie sein Investment tatsächlich
aussieht“, sagt Scope-Experte
Perovic. Dieser Punkt fließt
bei Scope immerhin zu 35 Prozent in
die Bewertung eines ETF ein. Auch
die Güte von Informationen zum ETF
und seiner Konstruktion wird bewertet.
Fundexplorer-Chef Jakob Baur
dagegen lässt beides links liegen:
„Das sind qualitative Kriterien“, sagt
Baur. „Und damit gar nicht objektiv
bewertbar.“ ETFs zu beurteilen ist
offenbar gar nicht so einfach.

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