Sonstiges

Leserfrage Können Staaten ihre Schulden weginflationieren?

[10:30, 28.09.11]


Leser fragen, wir antworten – in diesem Fall unser Redakteur Patrick Schroth (Foto) auf die Frage von Wolf-Dieter Schwertmann aus Hannover.


Die Welt braucht einen Schuldner­berater. Dass starkes Wirtschaftswachstum, eisernes Sparen oder eine geschickte Kombination aus beidem den kollektiven Offenbarungseid einiger Staaten abwendet, klingt zu schön, um wahr zu werden. Manche Beobachter orakeln daher, die klammen Kassenwarte würden in die Trickkiste greifen und die Schulden einfach weginflationieren. Das klingt fast so, als würden Regierungen bloß höhere Preise zu beschließen brauchen. Doch so simpel ist es nicht, und genau genommen ist an der These nicht viel dran. Theoretisch kommt ein starker Anstieg der Inflationsrate Schuldnern gelegen. Eine schleichende Geldentwertung verkleinert – real gemessen – den Betrag ihrer Verbindlichkeiten. Das gilt übrigens nicht nur für Staaten: auch überschuldete Privatleute und Unternehmen profitieren.

Inflation kommt nicht per Knopfdruck. Erst recht nicht, seit die Preise in ehemals hoheitlichen Branchen wie dem Post-, Telekom-, Flugverkehrs- oder Stromsektor im freien Wettbewerb bestimmt und nicht mehr vom Staat festgelegt werden.

Historisch gesehen stieg die Inflationsrate oft stark an, wenn die Staatsschulden ausuferten und die Notenpressen auf Hochtouren liefen – so wie jetzt: Um einen Infarkt des globalen Finanzsystems nach der Subprimekrise zu verhindern, öffneten die Zentralbanken den Geldhahn. Immer noch sind die Leitzinsen in Europa und den USA extrem niedrig. Diese weltweite Liquiditätsschwemme könnte – ähnlich wie früher – die Inflation anheizen, heißt es. Doch das geschieht nur, wenn der Geldüberschuss von Verbrauchern und Firmen ausgegeben und nicht bloß zwischen Zentral- und Geschäftsbanken hin- und hergeschoben wird. Allen Starthilfen der milliardenschweren Konjunkturprogramme zum Trotz aber produzieren zahlreiche Unternehmen nach wie vor weit unter ihren Kapazitätsgrenzen. Für saftige Preiserhöhungen ist da kein Platz. Und die Kreditvergabe-bereitschaft der Banken ist weiter schwach. Folge: In den USA und in Europa bleibt der Preisauftrieb im Rahmen.

Dass zwischen Staatsschulden und Teuerung kein naturgesetzlicher Zusammenhang besteht, zeigt Japan. Trotz beängstigend hoher Schulden verharrt die Inflation seit Jahren im Keller. Ursache: Haushalte und Firmen legen überschüssiges Geld lieber auf die hohe Kante – aus Sorge um die gesamtwirtschaftliche Lage.

Schuldenabbau per Inflation: Die Idee ist überhaupt nur für Staaten sinnvoll, die sich über Anleihen in eigener Währung bei ausländischen Geldgebern verschulden können – wie die USA. Eine systematische Abwertung des Dollar hat gleich zwei angenehme Effekte: Zum einen werden US-Produkte im Ausland billiger und damit attraktiver. Zum anderen gehen die Staatsschulden der USA zurück. „Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem“ – mit diesem Spruch provozierte der Finanz­minister von US-Präsident Richard Nixon, John Connally, 1971 seine ausländischen Zuhörer. An einen Großgläubiger wie China war da nicht mal im Traum zu denken.

 


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