Wie erklären sich bestimmte Marktentwicklungen?
Wodurch wird
das Börsengeschehen
beeinflusst? Was bedeutet
ein bestimmter Fachausdruck?
Leser fragen, wir antworten – in diesem Fall unser Redakteur
Egmond Haidt auf die Frage von Andrea Zimmermann aus Frankfurt.
Die rapide in die Höhe schnellende US-Staatsverschuldung, mit der der Bankenrettungsfonds und das Konjunkturprogramm finanziert werden, hat Folgen: Die Zinsen für Staatsanleihen steigen deutlich und erreichen für zehnjährige Papiere mit aktuell 3,67 Prozent ein Sechs-Monats-Hoch. Nach jahrzehntelanger Talfahrt hatten sie im Dezember 2008 bei 2,06 Prozent noch ein Allzeittief markiert. Dann folgte eine abrupte Wende, denn Investoren fürchten, dass die Maßnahmen der Notenbank und des Staates mittelfristig eine hohe Inflation verursachen werden.
Anleger sorgen sich wegen des riesigen Angebots an Anleihen, das den Markt überschwemmt. Laut Schätzungen der Regierung wird sich die Neuverschuldung im laufenden Fiskaljahr, das im September endet, auf den Rekordwert von 1,84 Billionen Dollar vervierfachen. Das entspricht fast 13 Prozent des US-Bruttosozialprodukts. Inklusive der Anleihen, die umgeschuldet werden, muss der Staat laut
Goldman Sachs 3,25 Billionen Dollar platzieren. Den Zinsanstieg kann auch die Notenbank nicht verhindern: Sie hat am 18. März angekündigt, innerhalb von sechs Monaten für 300 Milliarden Dollar Staatsanleihen zu erwerben, um durch die zusätzliche Nachfrage die Kurse nach oben und so die Renditen nach unten zu drücken. Seit dem Beginn der Käufe am 25. März hat sie für 130,5 Milliarden Dollar Papiere gekauft. Das ist viel zu wenig, gibt der Staat doch aktuell pro Woche für rund 100 Milliarden Dollar Anleihen aus.
In den Fokus der Investoren rückt die Entwicklung, da die Ratingagentur Standard & Poor's den Ausblick für die AAAEinstufung Englands auf Negativ herabgesetzt und davor gewarnt hat, mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Drittel könne das Rating gesenkt werden. Denn die Staatsschulden näherten sich der Marke von 100 Prozent des Bruttosozialprodukts. In den USA hat der Wert mit 11,2 Billionen Dollar 79 Prozent der Wirtschaftsleistung erreicht. Die USA würden "schlussendlich" ihr AAA-Rating verlieren, sagt Bill Gross, der als Co-Investmentchef von Pimco den weltgrößten Anleihefonds verwaltet. "Das wird aber sicher nicht über Nacht passieren."
Trotz des tagtäglichen Anstiegs sind die Renditen im Langfristvergleich noch sehr niedrig. Für zehnjährige Staatsanleihen betrugen sie seit 1962 im Schnitt 6,93 Prozent. Und da war die Staatsverschuldung im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt bei Weitem nicht so hoch. Experten erwarten, dass die Zinsen weiter drastisch klettern werden. Laut Daten der Chicago Board of Trade waren am 19. Mai 78.979 Positionen auf zehnjährige Staatsanleihen leer verkauft. Finanzprofis wetten damit auf fallende Kurse und höhere Zinsen.
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