Wie erklären sich bestimmte Marktentwicklungen?
Wodurch wird
das Börsengeschehen
beeinflusst? Was bedeutet
ein bestimmter Fachausdruck?
Leser fragen, wir antworten – in diesem Fall unser Redakteur
Ludwig Heinz auf die Frage von Mathilde Stanglmayr aus Berlin.
Andere Zeiten, andere Sitten. Dieser Satz trifft auch auf Notenbanken zu. Ihr klassisches geldpolitisches Instrument ist der Zins, mit dem sie die Geldversorgung der Banken steuern und damit indirekt deren Möglichkeiten zur Kreditvergabe an die Wirtschaft. Nun haben im Zuge der Finanzkrise Zentralbanken wie die amerikanische Fed oder die Bank von Japan ihre Leitzinsen bereits auf null oder nahe null gesenkt.
Das reicht offenbar nicht aus, um die Krise zu überwinden. Deshalb versuchen die Notenbanker, über andere Kanäle die Geldpolitik expansiver zu gestalten. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Jean-Claude Trichet spricht etwas verschämt von "unorthodoxen Maßnahmen", Fed-Chef Ben Bernanke von "Quantitative Easing" - zu Deutsch: von quantitativer Lockerung. Im Kern geht es darum, dass Notenbanken durch den Ankauf von Wertpapieren den Banken oder sogar unmittelbar dem Staat oder den Unternehmen Liquidität zur Verfügung stellen.
Die Fed und die Bank von Japan bekämpfen die Finanzkrise bereits seit Herbst vergangenen Jahres auf diese Weise, während die EZB erst im Rahmen ihrer Mai-Sitzung beschloss, mit dem Erwerb von Covered Bonds - darunter fallen beispielsweise Pfandbriefe - im Volumen von bis zu 60 Milliarden Euro zu beginnen.
Quantitative Easing ist keineswegs unumstritten; Bundesbankpräsident Axel Weber gilt als Gegner dieser Politik. In Japan wurde sie bereits von 2001 bis 2006 angewendet, um seinerzeit Rezession und Deflation zu überwinden. Noch heute streiten die Gelehrten darüber, ob nun die Vorteile oder die Nachteile überwogen.
Der Internationale Währungsfonds kritisierte in einer Studie, die Versorgung mit billiger Liquidität hätte dazu geführt, dass Japans Banken faule Kredite nur schleppend und in nicht ausreichendem Umfang abschrieben und deren Bereinigung hinauszögerten. So wurden marode Unternehmen unnötig lange am Leben erhalten, weil sie wegen der künstlich niedrigen Finanzierungskosten ihren Schuldendienst begleichen konnten.
Grundsätzlich profitieren Banken mit einer schlechten Bonität stärker als Institute mit gutem Standing. Denn während eine schwache Bank am Geldmarkt höhere Zinsen zahlen muss als eine starke, erhalten von der Notenbank beide Liquidität zu gleichen Konditionen.
Problematisch ist auch, dass sich eine Notenbank, die Staatsanleihen ankauft, dem Vorwurf aussetzt, die Staatsschulden zu finanzieren. Sie riskiert damit, das Vertrauen in ihre Unabhängigkeit zu beschädigen, und läuft Gefahr, dass Regierungen sich mit Händen und Füßen wehren, wenn es darum geht, eine solche Politik wieder umzukehren.
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