Sonstiges

Leserfrage Was steckt eigentlich hinter den Flüsterschätzungen?

[10:26, 28.10.09]




Wie erklären sich bestimmte Marktentwicklungen? Wodurch wird das Börsengeschehen beeinflusst? Was bedeutet ein bestimmter Fachausdruck? Leser fragen, wir antworten – in diesem Fall unser Redakteur Helmut Kipp auf die Frage von Claus Hesse aus Wetzlar.




Zahlen, Zahlen, Zahlen. Rund um den Globus veröffentlichen börsennotierte Unternehmen ihre Berichte zum dritten Quartal 2009 und bewegen damit die Aktienkurse. Mitunter fällt die Reaktion allerdings anders aus, als man zunächst vermutet. Beispiel Deutsche Bank: Das Geldhaus verdient ein Jahr nach dem Höhepunkt der Finanzkrise fast wie zu seinen besten Zeiten. Dennoch gibt es Prügel von Börsianern. 1,3 Milliarden Euro Gewinn vor Steuern sind zwar deutlich mehr, als Analysten prognostiziert haben, aber offenbar nicht genug.

Auch die Notierung von  Credit Suisse rutscht ab, obwohl die Bank einen unerwartet starken Gewinnanstieg meldet. Die Aktie von Morgan Stanley hingegen steigt, weil die US-Investmentbank 38 statt der erwarteten 27 Cent je Aktie verdient.

Die unterschiedlichen Kursreaktionen spiegeln das komplexe Zusammenspiel von Fakten und Erwartungen wider. Der Blick auf die durchschnittlichen ­Ertragsschätzungen der Analysten, die Nach­richtenagenturen wie Reuters oder andere Finanzdienstleister zusammentragen, reicht nicht aus. Die Konsensdaten dienen zwar als Vergleichsmaßstab, ob eine Firma die Erwartungen übertroffen oder verfehlt hat. Doch werden die Schätzungen nicht permanent angepasst. Aktueller sind die Flüsterschätzungen, die sich unter Marktteilnehmern quasi per Mundpropaganda herausbilden. Sie berücksichtigen kurzfristige Änderungen und geben letztlich den Ausschlag, ob Börsianer den Daumen heben oder senken.

Die inoffiziellen Prognosen sind allerdings wenig transparent. Zwar gibt es Websites, die Flüsterschätzungen veröffentlichen (www.whispernumber.com oder www.earningswhispers.com), doch bleibt unklar, wie die Angaben genau zustande kommen und wie viel Bauchgefühl die Flüsterer eingebracht haben. "Analysten arbeiten mit den allgemein zugänglichen Konsensdaten, nicht mit Flüsterschätzungen", stellt der Aktienstratege Andreas Hürkamp von der  Commerzbank klar.

Legt ein Konkurrenzunternehmen überraschende Zahlen vor, können sich die Erwartungen jedoch binnen wenigen Tagen gravierend ändern. Im Bankensektor war es vor allem der verblüffend hohe Profit von  JP Morgan Chase, der die Flüsterschätzungen für andere Geldhäuser nach oben trieb. Und im Chemiebereich legten die unverhofft guten Ergebnisse von  BASF die Messlatte höher. Auch die Konzerne selbst beeinflussen die Erwartungsbildung. Ist ein Vorstand für vorsichtige Ausblicke bekannt, packen Börsianer kurzerhand was drauf. Unternehmensanalysten hingegen orientieren sich stärker an den Aussagen des Managements. Denn ihnen ist es lieber, nach der Zahlenvorlage die Gewinnprognose anzuheben, als zu senken.

 


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© 2009 boerse-online.de, © Illustration: Axel Griesch

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