Sonstiges

Leserfrage Was steckt hinter den Stresstests für die Banken?

[11:23, 19.05.09]




Wie erklären sich bestimmte Marktentwicklungen? Wodurch wird das Börsengeschehen beeinflusst? Was bedeutet ein bestimmter Fachausdruck? Leser fragen, wir antworten – in diesem Fall unser Redakteur Tobias  Bayer auf die Frage von Thorsten Klein aus München.





Stresstest ist das neue Lieblingswort der Börsianer. Nachdem US-Finanzminister Timothy Geithner die Bilanzen der 19 größten Banken des Landes durchleuchtete und Anfang Mai einen Kapitalbedarf von 75 Milliarden Dollar ermittelte, folgt nun Europa. Bis September unterziehen die nationalen Bankaufseher die Finanzinstitute einer Belastungsprobe und halten sich dabei an einheitliche Vorgaben des Europäischen Ausschusses der Bankaufseher (CEBS).

Im Unterschied zu den USA soll allerdings nicht der Kapitalbedarf einzelner Geldhäuser festgestellt werden. Stattdessen werden aggregierte Daten über das jeweilige Banksystem an die EU-Finanzminister und die Europäische Kommission gesendet - und nicht veröffentlicht. Der Stresstest-Stress ist nur auf den ersten Blick außergewöhnlich. Der größte Unterschied zwischen der üblichen Praxis und der aktuellen Vorgehensweise liegt weniger in der Methode als in der öffentlichen Präsentation: Angesichts der Abschreibungen in Milliardenhöhe ist die Unsicherheit der Investoren besonders groß. Deshalb werden die Bilanzanalysen medienwirksam angekündigt.

Dabei gehören die Tests seit Jahrzehnten zum Instrumentarium der Aufsichtsbehörden und des Risikomanagements der Banken. Das Prinzip ist einfach: Unter Annahme extremer Szenarien wird geprüft, ob Verluste im Wertpapier- und Kreditportfolio durch das Eigenkapital und die Ertragskraft einer Bank aufgefangen werden können. Am US-Stresstest lässt sich das nachvollziehen. Die Behörden gingen in ihrem Extremszenario davon aus, dass die US-Wirtschaft 2009 um 3,3 Prozent schrumpft und im kommenden Jahr um 0,5 Prozent wächst. Für die Arbeitslosigkeit legten sie bis Ende 2010 einen Wert von 10,3 Prozent zugrunde. Bei den Hauspreisen rechneten sie für 2009 mit einem Rückgang von 22 Prozent, für 2010 von sieben Prozent. Insgesamt kamen sie auf potenzielle Verluste von 599,2 Milliarden Dollar, denen ein Puffer von 363 Milliarden Dollar entgegensteht. Berücksichtigt man noch das Eigenkapital und die Kapitalerhöhungen, fehlen unter dem Strich 75 Milliarden Dollar.

Dass die Europäer jetzt ebenfalls in die Offensive gehen, ist der angespannten Situation der Branche auf dem Kontinent geschuldet. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) stehen europäische Banken im Schnitt keineswegs besser da - im Gegenteil: Würden die Institute die vom IWF erwarteten Abschreibungen für 2009 und 2010 von der Kapitalausstattung per Ende 2008 abziehen, kämen die Banken der Euro-Zone auf eine Kernkapitalquote von 1,1 Prozent. Die USBanken lägen bei 6,7 Prozent. Der Stress hierzulande bleibt also hoch.

 


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