Wie erklären sich bestimmte Marktentwicklungen?
Wodurch wird
das Börsengeschehen
beeinflusst? Was bedeutet
ein bestimmter Fachausdruck?
Leser fragen, wir antworten – in diesem Fall unser Redakteur Patrick Schroth auf die Frage von Rainhard Wenzel aus Koblenz.
An der Börse geht es manchmal zu wie im Kasino. Das kommt von Zeit zu Zeit nicht nur Laien, sondern auch Profis so vor. Selbst Experten leuchten die Kursbewegungen einzelner Aktien nicht immer ein. Oft scheint Kollege Zufall zu bestimmen, wohin die Reise geht. Wer am Ende abräumt und den Gewinn einstreicht, ist nicht das Ergebnis kühler Kalkulation oder spielerischen Geschicks, sondern reine Glückssache.
Was die Herkunft des Wortes Blue Chip angeht, passt das Bild vom Kasino perfekt. Beim Roulette oder Pokerspiel setzen Teilnehmer Geldbeträge in Form von Plastikmünzen oder -marken, auch Jetons oder Chips genannt. Auf ihrer Oberseite ist der Einsatz als Zahl eingraviert. Um Kontrahenten auf einen Blick anzuzeigen, wie hoch der eigene Wetteinsatz ist, sind die Chips unterschiedlich koloriert. Die Kunststoffmarken mit dem höchsten Einzelbetrag waren früher blau eingefärbt.
Dem historischen Vorbild entsprechend werden Aktien von Konzernen mit einem
sehr hohen Börsenwert – deren Marktkapitalisierung also überdurchschnittlich groß ist – auch heute noch Blue Chips genannt. Mit dem vereinzelt zu hörenden Begriff „Red Chips“ sind im Übrigen börsennotierte Konzernkolosse aus sozialistischen oder kommunistischen Staaten wie China oder Russland gemeint.
Wegen ihres enormen Börsengewichts und ihrer Signalkraft für ganze Aktienmärkte sind Blue Chips meist Mitglieder nationaler Börsenindizes wie des deutschen DAX, des amerikanischen Dow Jones oder des japanischen Nikkei. Darüber hinaus sind viele Firmengiganten auch in länderübergreifenden Barometern wie beispielsweise dem Euro Stoxx 50 vertreten. Weil Fondsmanager solche tonangebenden Fieberkurven oft als Orientierungshilfe nutzen und ihre Portfolios entsprechend strukturieren, stehen Blue Chips besonders stark im Fokus des Anlegerinteresses. Ihre Aktien werden rege gehandelt – viel lebhafter als die Papiere kleiner, weniger bekannter Neben- oder Spezialwerte. Blue Chips verzeichnen an der Börse überdurchschnittliche Umsätze, sind also relativ liquide. Einige Kommentatoren leiten daraus die Aussage ab, Blue Chips seien bei professionellen Investoren besonders gut angesehen und ihre Aktien – ganz nach dem Vorbild der blauen Spielchips – daher besonders wertvoll. Doch das ist ein Missverständnis.
Nicht nur hier herrscht Verwirrung.Wegen der Vielzahl von Anlegern, die interessiert die Entwicklung und Nachrichtenlage der prominenten Börsentitanen verfolgen, schwanken die Kurse von Blue Chips meist nicht so stark wie die kleinerer Aktiengesellschaften. Aus Risikosicht ist das zwar begrüßenswert, für sich allein genommen aber noch kein Qualitätsprädikat. Außer für Investoren, die generell „groß“ mit „gut“ gleichsetzen. Auch andere Aussagen wie etwa, dass Blue-Chip-Unternehmen überaus rendite- und substanzstark, ihre Geschäftsmodelle solide und ihre Ertragsentwicklung aussichtsreich seien, lassen sich aus der schieren Masse allein so nicht ableiten.

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