Dirk Heß leitet den öffentlichen Vertrieb Cross Asset Group bei
Citigroup Global Markets Deutschland. Der ausgewiesene Derivateexperte verfügt über elf Jahre Markterfahrung.
In BÖRSE ONLINE schreibt er über die Entwicklung der unterschiedlichen Anlageklassen.
Das kennt jeder: Beim Blick in die Wolken glaubt man, Formationen zu finden, die etwa Gegenständen, Tieren oder Gesichtern ähneln. Diesen Formationen misst man aber keinerlei weitere Bedeutung zu. Das Wetter – und somit auch die Formation der Wolken – sind bekanntermaßen vom Zufall abhängig und daher kaum vorherzusagen. Selbst mit modernster Satellitentechnik reicht eine zuverlässige Prognose nur wenige Tage in die Zukunft. Für Verhaltensforscher hat die Wolkendeutung einen einfachen Grund: Der Mensch neigt dazu, auch in einer gänzlich zufälligen Anordnung von Objek- ten ein Muster zu erkennen. Diese Erkenntnis lässt sich ganz einfach in einem Selbstversuch nachweisen: Zeichnet man willkürlich eine Linie in ein Koordinatensystem, wird man als Betrachter versuchen, aus diesem Graphen ein bestimmtes Muster abzuleiten. Mal liegen alle Tiefpunkte auf einer Linie. Mal sind es die Spitzen, die immer am gleichen Niveau enden. Wenn man in zufälligen Mustern etwas erkennen will, wird man darin auch etwas erkennen. In diesem Sein-oder-Schein-Dilemma befindet sich die Charttechnik. Von den einen als Hirngespinst belächelt, für die anderen das ultimative Analyse- werkzeug. Lassen sich aus einem grafischen Kursverlauf Muster ableiten, die gewinnbringend in Anlageentscheidungen umge- setzt werden können? Oder verhält es sich mit der Chartanalyse wie mit dem Blick in die Wolken?
Anleger sollten für sich selbst eine Annahme überprüfen: Ergibt sich ein Chart zufällig, oder steht dahinter das Aggregat vieler einzelner Anlegermeinungen? Zeigt zum Beispiel die Chartlinie nach unten, drückt dies aus, dass zu diesem Zeitpunkt die kollektive Einschätzung eines Papiers negativ war und es mehr Verkäufer als Käufer gab. In verschiedenen wissenschaft-lichen Versuchen wurde die prognostische Überlegenheit der kollektiven Intelligenz gegenüber der eines einzelnen Experten bewiesen.
Die entscheidende Frage ist jedoch: Lassen sich aus dem Kursverlauf der Vergangenheit auch Rückschlüsse auf die künftige Kursentwicklung ziehen? Darüber wird eifrig gestrit- ten: Befürworter der Chartanalyse verweisen darauf, dass zum Beispiel Widerstände und Unterstützungen sehr wohl für die Zukunft relevant sind, weil an diesen Punkten neue Käufe oder Verkäufe einsetzen und den Kurs in die prognostizierte Rich- tung treiben. Aus dem Glauben heraus, dass die erwarteten Kursbewegungen eintreffen, werden bestimmte Orders durch- geführt, die in der Masse dann die eigentliche Ursache für das Stattfinden dieser Kursbewegungen sind. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung also. Darüber hinaus, argumentieren die Befürworter, stelle die Chartanalyse nur einen Teilbereich der Technischen Analyse dar: Sie sei eine wichtige Säule, die erst zusammen mit anderen Methoden ihre Wirkung entfalte.
Festzuhalten bleibt: Die Erkenntnisse der Chartanalyse sind bis heute weder wissenschaftlich belegt – noch widerlegt. Und solange dies der Fall ist, bleibt die Charttechnik wohl eine Frage des Geschmacks. Wer damit Erfolg hat, wird sie nutzen. Skep- tiker sollten ihr nicht vorschnell die Berechtigung absprechen. Genauso wie auf der anderen Seite die Befürworter sie nicht zum Maß aller Dinge verklären sollten. Denn manchmal ist eine Wolke tatsächlich nur eine Wolke.

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