Meinungen

Robert Rethfeld Die Finanzkrise ist noch nicht vorbei

[16:45, 24.01.12]

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Robert Rethfeld betreibt die Internetseite  Wellenreiter-Invest. Kernprodukt ist ein handelstäglich erscheinender Börsenbrief. Die Aufmerksamkeit gilt Langfristentwicklungen, Zyklen und saisonalen Mustern sowie der Verschiebungen des smarten Geldes. Zusätzlich werden die Positionierungen der kommerziellen Händler und Großspekulanten analysiert („CoT-Daten“). Rethfeld ist TV-Interviewpartner und Mitglied der Vereinigung technischer Analysten (VTAD). Er lebt im Vordertaunus, wo er sich als Vorsitzender einer Freien Wählergemeinschaft kommunalpolitisch engagiert.


Liebe Leserinnen und Leser,

trotz der jüngsten Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten ist die Finanzkrise noch nicht beendet. Diese Meinung äußerten die Referenten auf der 27. Kapitalanlegertagung, die am 17. und 18. Januar in Zürich stattfand.

Simon Johnson

 Simon Johnson

Der Ökonom Simon Johnson sieht in angelsächsischer Manier ein Auseinanderbrechen der Eurozone voraus. Gleichzeitig ist er sich sicher, dass die EZB Liquidität zur Verfügung stellen werde. Diese Maßnahmen dürften aber nicht ausreichen. Vielmehr sei eine Restrukturierung der Schulden unvermeidlich. Mit Blick auf die Banken lässt sich weitehrin eine Unterkapitalisierung feststellen und damit ein großes Risiko. Allerdings seien die Institute aber „too big to fail“. So sind derzeit schon die sechs großen US-Banken größer als 2008. Johnson weist darauf hin, dass Hedge Fonds in die gleiche Zielrichtung „too big to fail“ arbeiten würden. Sollte der erste Hedge Fonds wegen seiner Systemrelevanz vom Steuerzahler gerettet werden müssen, würden Bewegungen wie „Occupy“ neue Nahrung erhalten. Unter dem Strich hält der Ökonom daher eine inflationäre Entwicklung - „The Great Inflation“ - für unausweichlich.

Prof. Dr. Wolfgang Wiegard, ehemaliges Mitglied des Sachverständigenrates („die fünf Wirtschaftsweisen“) ist der Meinung, dass sich Italien aus eigener Kraft aus dem Schulden-Schlamassel herausziehen kann. Für Griechenland rechnet er mit einer nicht-freiwillige Insolvenz. Die Schulden würden letztendlich von der EZB übernommen werden. Er fordert anstelle der Finanztransaktionssteuer eine „Finanzaktivitätssteuer“, die die fehlende Umsatzsteuer für Finanzdienstleister kompensiert. Die Einführung von Euro-Bonds sieht er nicht. Diese würde gegen Verträge verstoßen und sei außerdem für Deutschland nachteilig, da die Liquidität aus Deutschland herausfließen würde.

Die Immobilienbranche sei einer der Profiteure der Finanzkrise. Eurobonds würden diese Branche in Deutschland in Bedrängnis bringen. Auf die Peripherieländer komme eine harte Phase der Lohnmoderation zu. Ein Auseinanderbrechen der Währungsunion sei keine Option, ein Austritt Griechenlands hingegen schon. Für Deutschland wäre ein Scheitern der Währungsunion klar nachteilig, da einerseits das Auslandsvermögen (netto 1 Billion Euro) abgewertet werden würde und andererseits Target-Forderungen an das EZB-System (etwa 450 Mrd. Euro) ganz oder teilweise abgeschrieben werden müssten.

Eine normale Inflation würde zur Reduzierung der Schuldenstandsquoten nur wenig beitragen. Es müsse schon eine „Überraschungs-Inflation“ sein, die von den Marktteilnehmern nicht eingepreist sei. Er selbst glaube aber nicht an das Auftreten einer solchen „Überraschungs-Inflation“.


 

© 2012 boerse-online.de, © Illustration: Getty Images = Getty Images

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