Axel Retz ist seit über 25 Jahren als Chefredakteur von Börsenmagazinen und Börsendiensten tätig und betreibt das Portal
private-profits. Konservative Anleger finden dort seit Jahren bewährte, treffsichere Strategien zur Outperformance der Märkte in Hausse- und Baissephasen. Aggressivere Trader finden alle notwendigen Tools, um mit kleinem Einsatz kurzfristige Gewinne zu erzielen. „Phasen, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, das sind die Seitwärtsmärkte. Aber sie sind nichts anderes als Unterbrechungen im Trendverhalten. Technische oder fundamentale Analyse? Für mich macht es die Mischung!“
„Kommt ein Zyklop zum Augearzt.“ Dieser wunderschöne Ultrakurzwitz von Leserin Frau Dr. K. aus Gefrees führte mich am vergangenen Donnerstag gedanklich ins Reich der Einäugigen, die unter den Blinden bekanntermaßen Könige sind. Die aktuelle Schnittmenge dieses Witzes mit der gegenwärtigen psychologischen Verfassung vieler Marktteilnehmer ist unübersehbar. Die einen sehen nur die negativen fundamentalen Entwicklungen, während sich die anderen auf die Kursgewinne der letzten drei Wochen und die viel versprechende Entwicklung im griechischen Schuldendilemma fokussieren
Positive Signale gingen in der vergangenen Woche zweifellos von den Refinanzierungsbemühungen Spaniens, Italiens und Portugals aus. Alle drei Länder konnten ihre Anleihen zu erträglichen und deutlich unter den letzten Renditen liegenden Zinssätzen am Markt platzieren. Ganz anders die Situation in Griechenland, wo sich auch nach einem Schuldenschnitt (der de facto lediglich eine Umschuldung ist) bis jetzt einzig die Verschuldung auf dem Aufwärtspfad zu befinden scheint. Die Wirkung dieses widersprüchlichen Bildes liegt auf der Hand.
Jahre, in denen die Kurserwartung der Marktteilnehmer und Analysten dermaßen weit auseinander liegen wie derzeit, haben Seltenheitswert. Auf der einen Seite die Optimisten, die bei Licht betrachtet mehrheitlich eigentlich als verkappte Pessimisten zu gelten haben, die gerade in den gegenwärtigen fundamentalen Belastungsfaktoren den schlummernden Treibsatz für eine phantastische Hausse sehen. Vereinfacht ausgedrückt, rekrutiert sich dieses Lager vor allem aus den Anhängern eines „crack-up-Booms“. Dieser vom österreichischen Ökonomen Ludwig von Mises geprägte Begriff, auf gut deutsch mit Katastrophen-Hausse zu übersetzen, umschreibt ein Szenario, in dem die Anleger aus Furcht vor Inflation oder sonstigen Risiken von Papiergeld massiv in Sachanlagen und damit eben auch Aktien umschichten, selbst wenn die Gewinnaussichten der Unternehmen alles andere als rosig sind. Nicht zuletzt die Flucht vieler Anleger in negativ verzinste sechsmonatige deutsche Staatsanleihen beweist, dass es momentan einen regelrechten Anlagenotstand gibt. Geht diesen Anlegern erst einmal auf, dass Staatsanleihen auch nichts anderes sind als „Versprechen“, während substanz- und dividendenstarke Aktien Sachwerte darstellen, wäre ein „crack-up-Boom“ tatsächlich realistisch, selbst wenn die Wirtschaft wieder in eine Abkühlungsphase eintreten sollte.
Die bearishe Seite wird derzeit vor allem vom IWF und Weltbank vertreten. Beide Institutionen sehen Europa bereits inmitten der Rezession und können sich durchaus ein Szenario vorstellen, das den Finanzmarktturbulenzen von 2008 ähnelt oder sogar noch ärger ausfällt. Witzigerweise ist es die Ratingagentur Fitch, die momentan Wasser auf die Mühle der Pessimisten gießt. Denn die Ankündigung, Frankreich und Italien ggf. kräftig herab zu stufen, falls die avisierten Sparbemühungen wirtschaftliche Bremsspuren zur Folge haben sollten, konstruiert eine Zwickmühle, aus der es kein Entkommen gibt: Stemmen sich die Staaten nicht gegen die Verschuldung, kommt es zur Herabstufung, zeitigen die Sparansätze eine (unausweichliche) konjunkturelle Abkühlung, ebenfalls …
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