Heise

Michael Heise Der Euro-Wechselkurs kann stimulierend sein

[10:30, 25.01.12]


Die Europäische Zentralbank (EZB) spielt im Kampf um den Euro inzwischen eine herausragende Rolle. Sie hat ihren Kurs auf Expansion gestellt, mit der Rückführung des Leitzinses auf ein Prozent, der Ausweitung der unkonventionellen Maßnahmen durch dreijährige Refinanzierungsgeschäfte für Banken mit voller Zuteilung, geringere Anforderungen für die Sicherheitshinterlegungen von Banken und die Halbierung des Mindestreservesatzes. Deutlicher könnte die EZB ihre Rolle als Geldgeber der letzten Instanz, des „lender of last resort“, für Banken kaum belegen. Beim ersten Drei-Jahres-Tender – ein weiterer ist für Februar geplant – versorgten sich die Banken üppig mit rund 490 Mrd. Euro Liquidität. Damit hat die EZB auf ihre Weise einen beachtlichen Rettungsschirm gespannt. Infolge dieser Maßnahmen ist die Bilanzsumme der Zentralbank im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt im Euro-Raum sogar größer als in den USA, knapp 30 Prozent in Europa gegenüber rund 20 Prozent in den USA.

Auch wenn die EZB nicht direkt in massivem Umfang Staatsanleihen von EWU-Staaten aufkauft, trägt sie doch indirekt über die unlimitierte Refinanzierung der Banken zu deren Nachfrage nach solchen Papieren bei. Insgesamt stabilisiert sie den Markt für Staatstitel also in beträchtlicher Weise. Die Rechnung wird aufgehen, wenn die Länder der Euro-Zone ihren Konsolidierungskurs fortsetzen und weiterhin zumindest moderates Wachstum erzielen. Denn die finanzpolitische Lage ist keineswegs so aussichtslos, wie es häufig dargestellt wird. Beispiel Italien: Selbst bei einem deutlichen Anstieg des Durchschnittszinses auf die italienische Staatsschuld, beispielsweise von vier Prozent im Jahr 2011 auf sechs Prozent im Jahr 2020, würde die Schuldenstandsquote auf etwa 100 Prozent sinken, wenn Italien den angepeilten Budget- ausgleich 2013 und in den Jahren danach zumindest annährend schafft und zugleich ein moderates Wirtschaftswachstum von drei Prozent erreicht wird – das entspräche einem Prozent reales Wachstum plus zwei Prozent Inflation.

Wie wird sich die EZB wohl im weiteren Verlauf der Euro- Entwicklung verhalten? Zunächst könnte die derzeit eher schwache Konjunkturtendenz eine weitere Leitzinssenkung möglich machen. Die Inflationsentwicklung würde dabei keinen Hinderungsgrund darstellen, denn die Teuerungsrate im Euro-Raum dürfte bald in Richtung der Zwei-Prozent-Stabilitätsmarke sinken. Ob Zinssenkungen oder andere expansive Maßnahmen zu erwarten sind, dürfte auch von der Wechselkursentwicklung abhängen. Der Euro hat seit Mitte 2011 gut sechs Prozent seines Wertes gegenüber den Währungen wichtiger Handelspartner verloren. Vorerst dürften die labile EWU-Konjunkturlage, die politischen Unsicherheiten über die Zukunft der Währungsunion und die EZB-Politik weitere Abwertungstendenzen zur Folge haben.

Eine niedrigere Bewertung der Währung ist ein wirkungsvoller Weg, die Wirtschaft zu stimulieren. Im Moment wirkt dieser Kanal sicher stärker als eine Stimulierung der Kreditnachfrage durch niedrige Zentralbankzinsen, da diese ohne entsprechende Investitions- oder Konsumabsichten wenig bewirken können. Alles in allem könnte es gut sein, dass ein rückläufiger Wechselkurs des Euro gegenüber dem Dollar und anderen wichtigen Währungen der Zentralbank einen Teil der Arbeit abnimmt. Das sollte uns auch in Deutschland nicht schrecken, denn bei Kursen um 1,27 Dollar ist durchaus noch eine hohe Bewertung des Euro gegeben. Ein geordneter weiterer Rückgang wäre keine Katastrophe, sondern ein Antrieb für die Wirtschaft.




MICHAEL HEISE ist Chefvolkswirt der  Allianz.


In BÖRSE ONLINE schreibt der renommierte Chefökonom regelmäßig über die globalen volkswirtschaftlichen Aussichten und analysiert deren Bedeutung für die ­internationalen Finanzmärkte.



 



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© 2012 boerse-online.de, © Illustration: Foto: Marc Darchinger

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