Herr Lapthorne, wenn die
Bedingung für eine Hausse oder
einen Bullenmarkt ist, dass es in
einem Markt einen Zuwachs von
20 Prozent oder mehr gibt, stellt
dann der Anstieg am griechischen
Aktienmarkt während der vergangenen
Wochen gar eine Blase dar?
Andrew Lapthorne: Nun, uns verblüfft
etwas, dass bei allem großen Trara um
sich erholende Aktienmärkte und die
Rückkehr zur gezielten Auswahl von
einzelnen Titeln, dem sogenannten
Stockpicking, nur wenige Kommentatoren
die grundsätzliche Attraktivität
griechischer Aktien anzupreisen
scheinen. Ganz anders, als sie es zum
Beispiel möglicherweise bei USUnternehmen
tun, deren Papiere seit
Anfang des Jahres 75 Prozent oder
mehr gewonnen haben, oder bei deutschen
Automobilwerten, die dieses
Jahr im Durchschnitt 31 Prozent zugelegt
haben. Oder wie sie es auch bei
Industriemetallen tun, die seit dem
Jahreswechsel 18 Prozent im Plus
liegen.
Seit Jahresanfang hat der deutsche
Leitindex DAX Gewinne von etwa
14 Prozent eingefahren. Die Zahlen
aus Hellas stechen diesen Zuwachs
aus: Der griechische Leitindex
FTSE/ASE 20, der die Entwicklung
der Werte der 20 größten Unternehmen
an der Athener Börse
abbildet, hat in demselben Zeitraum
satte 27 Prozent gewonnen.
Wie kommt es Ihrer Meinung
nach, dass der griechische Aktienmarkt
dennoch so wenig angepriesen
wird?
Lapthorne: Das liegt vielleicht daran,
dass es sich hierbei nicht um eine tatsächliche
Rückkehr zur fundamentalen
Anlage handelt, sondern einfach
um eine Erholung, die einem Markt
entspricht, der mit billigem Geld
zwangsernährt wird.
Der starke und anhaltende
Aufwärtstrend an den weltweiten
Aktienmärkten seit Jahresanfang
führt bei vielen Marktteilnehmern
zu einem neuerlichen Optimismus.
Und zwar nicht nur in Sachen
Finanzmärkte, sondern auch in
Hinsicht auf ein erwartetes wirtschaftliches
Wachstum. Halten Sie
diese Schlussfolgerung für gerechtfertigt?
Lapthorne: Den Anstieg der Vermögenspreise
mit Wirtschaftswachstum
zu verwechseln, ist ein Fehler, den wir
anscheinend immer und immer wieder
begehen. Aber wer sind wir schon,
dass wir die Weisheit der Märkte
infrage stellen dürften!
Denken Sie, dass Investitionen in
Aktien seit dem drastischen
Einbruch der globalen Finanzmärkte
im Herbst des vergangenen
Jahres wieder an Attraktivität
gewonnen haben und nun weniger
riskant sind als damals?
Lapthorne: Angesichts der Tatsache,
dass der von MSCI Barra für die US-Investmentbank
Morgan Stanley berechnete
MSCI World Index seit seinem
Tief im Oktober 2011 um fast 20 Prozent
zugelegt hat und dass der MSCI
Emerging Market Index während desselben
Zeitraums um 27 Prozent gestiegen
ist, sind unserer Ansicht nach Aktien
jetzt weniger attraktiv und daher
riskanter als zuvor und nicht etwa umgekehrt.
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