Interview

Kurzinterview "Aktien sind jetzt riskanter als zuvor"

[15:29, 22.02.12]


Mehr als 27 Prozent hat der Leitindex der Athener Börse seit Jahresanfang gewonnen. Andrew Lapthorne, Analyst der  Société Générale, sieht die Entwicklung kritisch.


Herr Lapthorne, wenn die Bedingung für eine Hausse oder einen Bullenmarkt ist, dass es in einem Markt einen Zuwachs von 20 Prozent oder mehr gibt, stellt dann der Anstieg am griechischen Aktienmarkt während der vergangenen Wochen gar eine Blase dar?

Andrew Lapthorne: Nun, uns verblüfft etwas, dass bei allem großen Trara um sich erholende Aktienmärkte und die Rückkehr zur gezielten Auswahl von einzelnen Titeln, dem sogenannten Stockpicking, nur wenige Kommentatoren die grundsätzliche Attraktivität griechischer Aktien anzupreisen scheinen. Ganz anders, als sie es zum Beispiel möglicherweise bei USUnternehmen tun, deren Papiere seit Anfang des Jahres 75 Prozent oder mehr gewonnen haben, oder bei deutschen Automobilwerten, die dieses Jahr im Durchschnitt 31 Prozent zugelegt haben. Oder wie sie es auch bei Industriemetallen tun, die seit dem Jahreswechsel 18 Prozent im Plus liegen.

Seit Jahresanfang hat der deutsche Leitindex DAX Gewinne von etwa 14 Prozent eingefahren. Die Zahlen aus Hellas stechen diesen Zuwachs aus: Der griechische Leitindex FTSE/ASE 20, der die Entwicklung der Werte der 20 größten Unternehmen an der Athener Börse abbildet, hat in demselben Zeitraum satte 27 Prozent gewonnen. Wie kommt es Ihrer Meinung nach, dass der griechische Aktienmarkt dennoch so wenig angepriesen wird?

Lapthorne: Das liegt vielleicht daran, dass es sich hierbei nicht um eine tatsächliche Rückkehr zur fundamentalen Anlage handelt, sondern einfach um eine Erholung, die einem Markt entspricht, der mit billigem Geld zwangsernährt wird.

Der starke und anhaltende Aufwärtstrend an den weltweiten Aktienmärkten seit Jahresanfang führt bei vielen Marktteilnehmern zu einem neuerlichen Optimismus. Und zwar nicht nur in Sachen Finanzmärkte, sondern auch in Hinsicht auf ein erwartetes wirtschaftliches Wachstum. Halten Sie diese Schlussfolgerung für gerechtfertigt?

Lapthorne: Den Anstieg der Vermögenspreise mit Wirtschaftswachstum zu verwechseln, ist ein Fehler, den wir anscheinend immer und immer wieder begehen. Aber wer sind wir schon, dass wir die Weisheit der Märkte infrage stellen dürften! Denken Sie, dass Investitionen in Aktien seit dem drastischen Einbruch der globalen Finanzmärkte im Herbst des vergangenen Jahres wieder an Attraktivität gewonnen haben und nun weniger riskant sind als damals?

Lapthorne: Angesichts der Tatsache, dass der von MSCI Barra für die US-Investmentbank Morgan Stanley berechnete MSCI World Index seit seinem Tief im Oktober 2011 um fast 20 Prozent zugelegt hat und dass der MSCI Emerging Market Index während desselben Zeitraums um 27 Prozent gestiegen ist, sind unserer Ansicht nach Aktien jetzt weniger attraktiv und daher riskanter als zuvor und nicht etwa umgekehrt.


 

© 2012 ftd

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