Interview

Kurzinterview "Das Gezerre irritiert die Märkte"

[10:00, 07.02.12]


Die Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone seien unabsehbar, warnt Jochen Intelmann, Chefvolkswirt der Hamburger Sparkasse.


Herr Intelmann, die Verhandlungen zwischen Griechenland und seinen privaten Gläubigern über eine Umschuldung scheinen kein Ende zu finden und auch kein Ergebnis zu bringen. Zudem sieht es zunehmend so aus, als verliere die europäische Politik die Geduld mit den Verantwortlichen in Athen. Wie schlägt sich das an den Finanzmärkten nieder?

Jochen Intelmann: Der Markt ist sehr nervös. Es irritiert, dass noch immer keine Einigung gefunden ist. Man hatte in den vergangenen Wochen schon so häufig den Eindruck, dass eine Lösung nahe ist, doch dann waren die selbst gesetzten Fristen wieder ohne Ergebnis verstrichen. Das zerrt an den Nerven der Investoren. Dies zeigt sich an den Kursgewinnen von Bundesanleihen, deren Renditen zuletzt schon wieder gefallen sind.

Dabei waren ja zuletzt eine Reihe wichtiger Konjunkturdaten wie die US-Arbeitsmarktzahlen überraschend gut ausgefallen. Das hatte etwa den Aktienmärkten viel Schwung gegeben und den Euro gestützt. Bremst die Entwicklung in Griechenland also die Märkte wieder aus?

Intelmann: Die Einschätzung vieler Marktteilnehmer ist, dass die Konjunktur mit einer Delle davonkommt und der Welthandel besser als erwartet läuft. Die Europäische Zentralbank ist sehr expansiv und damit eine wichtige Stütze. Zugleich hat jeder Angst vor dem, was bei einem Austritt Griechenlands aus dem Euro-Verbund passieren würde.

Ist das ein realistische Szenario?

Intelmann: Es stimmt nachdenklich, wenn selbst ein großer Europäer wie der Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker, der Griechenland immer im Euro halten wollte, in einem Interview darüber nachdenkt, ob die Rettungsbemühungen gescheitert sind. Ein möglicher Austritt macht vielen Angst, weil man nicht abschätzen kann, welche Wellen das schlagen würde. Als  Lehman Brothers 2008 pleiteging, sagte man auch: Der Zusammenbruch einer Bank ist beherrschbar. Angesichts dessen, was dann folgte, würde man heute möglicherweise anders handeln. Nicht zu vergessen ist auch die Angst vor möglichen Ansteckungseffekten.

Ist die Lage mit einem Ultimatum Europas an Athen nicht vollends verfahren? Wie will man da wieder herauskommen?

Intelmann: Ich glaube nach wie vor an einen positiven Ausgang der Verhandlungen. Käme es zu einer unkontrollierten Staatspleite Griechenlands, müsste der gesamte europäische Fiskalpakt wohl neu verhandelt werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die europäische Politik dieses Übereinkommen gefährden will. Allerdings ist die Lage in der Tat ziemlich festgefahren. Es ist nun wichtig, eine Lösung zu finden, die alle Seiten mittragen können, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Das gilt gleichermaßen für die Politiker in Athen, die Banken und die Troika aus der Europäischen Zentralbank, dem Internationalem Währungsfonds und der Europäischen Kommission.


 

© 2012 ftd

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