Interview

Kurzinterview "Für viele Anleger überraschend"

[14:10, 27.01.12]


Die Transparenz der Geldpolitik wächst, doch sorgt sie auch für Ruhe an den Märkten? Stefan Schilbe, Chefvolkswirt bei  HSBC Trinkaus, blickt mit gemischten Gefühlen auf die neue Kommunikationsstrategie der US-Notenbank.


Herr Schilbe, die Fed veröffentlicht seit Anfang 2012 künftig quartalsweise ihren Ausblick für die Leitzinsen. Wurden die Marktteilnehmer am Mittwoch auf dem falschen Fuß erwischt?

Stefan Schilbe: Ja, in der Tat. 2011 hatte die Fed einen Testballon gestartet, als sie erstmals einen Ausblick gegeben hatte. Bisher hieß es, dass der Schlüsselsatz noch bis mindestens Mitte 2013 auf dem historischen Tief von null bis 0,25 Prozent liegen wird. Zwar hatten die Märkte ihre Erwartungen bereits nach hinten verschoben, viele Anleger gingen in den ersten Tagen des neuen Jahres davon aus, dass frühestens erst 2014 eine Zinserhöhung erfolgen könnte, wie aus Terminkontrakten abzulesen war. Doch dass die Fed nun erklärt, die Leitzinsen noch bis mindestens Ende 2014 so niedrig zu halten, kam für viele Anleger dann doch überraschend.

Ist die wirtschaftliche Lage in den USA denn wirklich so labil, dass die Fed auf so lange Zeit niedrige Zinsen ankündigen muss? Ende 2011 war die Arbeitslosenquote von neun auf 8,5 Prozent gesunken.

Schilbe: Im Gegensatz zum Euro- Raum gehört zum Auftrag der USWährungshüter auch, auf eine Erholung am Arbeitsmarkt hinzuwirken. Was wir bisher an positiven Signalen gesehen haben, geht jedoch zu einem großen Teil darauf zurück, dass sich immer weniger Arbeitssuchende arbeitslos melden. Auch weil die Bevölkerung mit gut einem Prozent wächst, brauchen die USA einen Beschäftigungsaufbau von 125 000 Stellen im Monat. Das scheint jedoch unrealistisch, wenn man die Prognose für 2012 aus unserem Haus zugrunde legt, wonach die Wirtschaft gerade einmal um 1,5 Prozent wächst. Dagegen bräuchten die USA wohl eher Wachstumsraten von rund 2,5 Prozent.

Wie bewerten Sie die neue Kommunikationsstrategie der Notenbank?

Schilbe: Neben ihren Zinsprognosen hat die Fed ein Inflationsziel von zwei Prozent veröffentlicht – ähnlich wie die Europäische Zentralbank. Zudem ist jetzt auch bekannt, welche Arbeitslosenquote sie anstrebt. Dies alles erhöht natürlich die Transparenz der Geldpolitik, Anleger können sich besser auf Fed-Beschlüsse einstellen. Allerdings könnte es in Zukunft auch stärkere Schwankungen an den Finanzmärkten geben, was wiederum auch die Unternehmen verunsichern könnte. Das kommt daher, weil die Notenbank jetzt ihren Zinsausblick jedes Quartal ändern kann, um die Erwartungen an den Terminmärkten zu steuern. Dies wirkt wiederum direkt etwa auf die Renditen von Staatsanleihen, obwohl sie nichts mehr am Leitzins ändern kann. Die negativen Aspekte werden aber wohl erst dann relevant, wenn die Notenbank wieder anfängt, ihre Politik zu straffen.

Also kein Vorbild für die EZB?

Schilbe: Die Notenbanker im Euro- Raum sollten erst einmal abwarten, welche Erfahrungen die Amerikaner machen. Zudem helfen die Euro-Zentralbanker bereits erheblich, indem sie den Banken für drei Jahre fast 500 Mrd. Euro geliehen haben. Und Ende Februar steht das nächste Geschäft an.


 

© 2012 ftd

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