Herr Schilbe, die Fed veröffentlicht
seit Anfang 2012 künftig
quartalsweise ihren Ausblick für
die Leitzinsen. Wurden die Marktteilnehmer
am Mittwoch auf dem
falschen Fuß erwischt?
Stefan Schilbe: Ja, in der Tat. 2011 hatte
die Fed einen Testballon gestartet, als
sie erstmals einen Ausblick gegeben
hatte. Bisher hieß es, dass der Schlüsselsatz
noch bis mindestens Mitte
2013 auf dem historischen Tief von
null bis 0,25 Prozent liegen wird.
Zwar hatten die Märkte ihre Erwartungen
bereits nach hinten verschoben,
viele Anleger gingen in den ersten
Tagen des neuen Jahres davon aus,
dass frühestens erst 2014 eine Zinserhöhung
erfolgen könnte, wie aus Terminkontrakten
abzulesen war. Doch
dass die Fed nun erklärt, die Leitzinsen
noch bis mindestens Ende 2014 so
niedrig zu halten, kam für viele Anleger
dann doch überraschend.
Ist die wirtschaftliche Lage in den
USA denn wirklich so labil, dass
die Fed auf so lange Zeit niedrige
Zinsen ankündigen muss? Ende
2011 war die Arbeitslosenquote von
neun auf 8,5 Prozent gesunken.
Schilbe: Im Gegensatz zum Euro-
Raum gehört zum Auftrag der USWährungshüter
auch, auf eine Erholung
am Arbeitsmarkt hinzuwirken.
Was wir bisher an positiven Signalen
gesehen haben, geht jedoch zu einem
großen Teil darauf zurück, dass sich
immer weniger Arbeitssuchende arbeitslos
melden. Auch weil die Bevölkerung
mit gut einem Prozent wächst,
brauchen die USA einen Beschäftigungsaufbau
von 125 000 Stellen im
Monat. Das scheint jedoch unrealistisch,
wenn man die Prognose für
2012 aus unserem Haus zugrunde legt,
wonach die Wirtschaft gerade einmal
um 1,5 Prozent wächst. Dagegen
bräuchten die USA wohl eher Wachstumsraten
von rund 2,5 Prozent.
Wie bewerten Sie die neue Kommunikationsstrategie
der Notenbank?
Schilbe: Neben ihren Zinsprognosen
hat die Fed ein Inflationsziel von zwei
Prozent veröffentlicht – ähnlich wie
die Europäische Zentralbank. Zudem
ist jetzt auch bekannt, welche Arbeitslosenquote
sie anstrebt. Dies alles
erhöht natürlich die Transparenz der
Geldpolitik, Anleger können sich besser
auf Fed-Beschlüsse einstellen. Allerdings
könnte es in Zukunft auch
stärkere Schwankungen an den Finanzmärkten
geben, was wiederum
auch die Unternehmen verunsichern
könnte. Das kommt daher, weil die
Notenbank jetzt ihren Zinsausblick
jedes Quartal ändern kann, um die Erwartungen
an den Terminmärkten zu
steuern. Dies wirkt wiederum direkt
etwa auf die Renditen von Staatsanleihen,
obwohl sie nichts mehr am
Leitzins ändern kann. Die negativen
Aspekte werden aber wohl erst dann
relevant, wenn die Notenbank wieder
anfängt, ihre Politik zu straffen.
Also kein Vorbild für die EZB?
Schilbe: Die Notenbanker im Euro-
Raum sollten erst einmal abwarten,
welche Erfahrungen die Amerikaner
machen. Zudem helfen die Euro-Zentralbanker
bereits erheblich, indem
sie den Banken für drei Jahre fast
500 Mrd. Euro geliehen haben. Und
Ende Februar steht das nächste Geschäft
an.
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