Die einflussreiche US-Bankanalystin Meredith Whitney warnte gestern beim Sender CNBC vor einem Kursabschwung – und sorgte zeitgleich für einen kleinen Rücksetzer bei den wichtigsten Indizes. Sie glaube nicht, dass die Rally an den US-Börsen auf Fundamentalwerten basiere, sagte sie am Montag in einem Interview mit dem Nachrichtensender. Es sei ausgeschlossen, dass der Bankensektor über ausreichend Kapital verfüge. Daher sei es an der Zeit, die Bewertung von Großbanken herunterzustufen.
Unter dem Strich betonte Whitney, dass sie in diesem Jahr noch zu keiner Zeit so bearish gestimmt gewesen sei wie derzeit. Anleger, die Bankaktien in ihren Depots haben, sollten ihre Titel daher verkaufen. Auch charttechnisch gibt es Warnisignale: Der US-KBW-Bankenindex prallte vom Abwärtstrend ab und hat nun auch eine wichtige kurzfristige Unterstützung nach unten durchbrochen.
Mit Blick auf die konjunkturelle Entwicklung geht die Finanzexpertin von einer W-förmigen "Double-Dip"-Rezession aus. Allerdings dürfte der nach der inzwischen seit einigen Monaten andauernden Erholung folgende zweite Einbruch nicht ganz so heftig ausfallen.
Whitney warnte bereits Ende Oktober 2007 und damit in einer noch sehr frühen Phase vor einer bevorstehenden Finanzkrise. Für Aufsehen sorgte vor allem ihre Studie zur
Citigroup, in der sie davor warnte, dass die Bank wegen der Immobilienkrise allein im vierten Quartal 2007 zwischen acht und elf Milliarden Dollar abschreiben muss.
US-Notenbankchef Ben Bernanke hielt am Montagabend bei einer mit Spannung erwarteten Rede zum Wirtschaftsausblick an der Einschätzung fest, dass eine nur langsame Erholung noch "für längere Zeit" einen "außergewöhnlich niedrigen Zins" erfordere. Das gilt als Signal, dass der Satz von 0 bis 0,25 Prozent in den nächsten sechs Monaten nicht steigen wird.
Japans Notenbankchef Masaaki Shirakawa warnte dagegen in ungewöhnlich offener Form vor Risiken eines anhaltend niedrigen US-Leitzinses. Einerseits könne er die Inflationserwartungen erhöhen und den Dollar-Verfall anheizen - und so die US-Wirtschaft belasten. Andererseits führe er zusammen mit den niedrigen Zinsen in anderen Industriestaaten über Kapitalzuflüsse in Schwellenländer dort womöglich zu "Überhitzungen" und "finanziellen Turbulenzen". Tags zuvor hatte bereits ein führender Vertreter Chinas die US-Geldpolitik scharf attackiert.
Im Kampf gegen die schwerste Finanz- und Wirtschaftkrise seit 1945 hat die Fed ihren Leitzins auf das Rekordtief gesenkt. Zudem gibt sie über Wertpapierkäufe und Liquiditätshilfen Tausende Milliarden Dollar in die Wirtschaft. Damit hat sie dazu beigetragen, eine Depression zu verhindern - und die Weltwirtschaft auf den Wachstumspfad zurückzubringen. Nun wächst aber die Sorge, dass sie zu lange an dem lockeren Kurs festhält und die Grundlage für neue Finanzexzesse legt.
Mit wachsender Sorge wird international vor allem beobachtet, dass der US-Dollar wegen des niedrigen Leitzinses zunehmend für sogenannte Carry-Trades genutzt wird. Dabei verschulden sich Anleger in Niedrigzinswährungen und legen ihr Kapital höher verzinst im Ausland an - das aber gilt als nicht nachhaltig und kann bei einer schnellen Umkehr der Geschäfte enorme Turbulenzen verursachen.
Im Fall Chinas kommt hinzu, dass sich die USA und die Volksrepublik eine harte Auseinandersetzung über Wechselkursfragen liefern. Die US-Regierung wirft China vor, den Renminbi künstlich billig zu halten und so der eigenen Wirtschaft Vorteile zu schaffen. Präsident Barack Obama hat angekündigt, dies bei seinem Chinabesuch anzusprechen, der am Montag begann. Die Chinesen lehnen das ab und kontern mit Sorgen um die US-Zinspolitik und die jüngste Schwäche des Dollar.
"Tiefe Leitzinsen und der Dollar-Verfall stellen für die Erholung der Weltwirtschaft neue, reale und unüberwindbare Hindernisse dar", hatte Chinas oberster Bankaufseher, Liu Mingkang, am Wochenende gesagt. Yai Jian, Sprecher von Chinas Handelsministerium, bezeichnete es zudem am Montag als "nicht fair", eine Aufwertung des Renminbi zu verlangen, wenn der Dollar so schwach sei.
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