Konjunkturmeldungen

Notenbanken-Inflationsziel IWF spielt mit dem Feuer

[12:00, 26.02.10]


Der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) Olivier Blanchard hat vorgeschlagen, die Notenbanken sollten ihr Inflationsziel auf vier Prozent anheben. Der Präsident der Deutschen Bundesbank Axel Weber hat den Vorschlag in einem Beitrag für die FTD heftig kritisiert und dem IWF vorgeworfen, er verharmlose die volkswirtschaftlichen Kosten eines solchen Experiments und spiele mit dem Feuer. BÖRSE ONLINE hat renommierte Ökonomen gefragt, was sie von dem Vorstoß des IWF-Chefvolkswirts halten.


Hier die Antworten der Ökonomen:

Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW):

Die Kontrolle der Inflation durch die Notenbanken ist eine der großen makroökonomischen Leistungen unserer Zeit, die viel zur Wohlfahrt der Welt beigetragen hat. Das ambitionierte Inflationsziel war nicht die Ursache der Finanzmarktkrise. Seine Aufgabe wäre für die Regierungen der Welt nur eine bequeme Lösung, sich der Sanierung der Staatshaushalte durch Einsparungen und Steuererhöhungen vorschnell zu entziehen. Ich teile deshalb die Auffassung des Bundesbankpräsidenten, dass der Vorstoß des IWF unvertretbar ist.

Holger Schmieding, Chefvolkswirt Europa der Bank of America/Merrill Lynch:

Von dem Vorschlag halte ich gar nichts. Ein ernsthaftes Argument für ein Inflationsziel von vier Prozent ist mir nicht bekannt.

Hans Jäckel, Leiter Volkswirtschaft DZ Bank:

Es gibt nur ein einziges Argument dafür, nämlich dass man in Rezessionen mehr Spielraum für Zinssenkungen hätte, wenn die Zinsen vorher höher wären. Und dieses Argument ist keinesfalls gewichtig genug, um dafür die mühsam gewonnene Einsicht in den Wert der Preisstabilität über Bord zu werfen.

Josef Kaesmeier, Chefvolkswirt  Merck Finck & Co:

Ich halte dies für totalen ökonomischen Unfug. Bei einer angestrebten Inflationsrate in dieser Höhe würde eine kleine Verfehlung nach oben schnell mal 5-6% bedeuten. Die Individuen würden beginnen entsprechende Inflationsklauseln in Verträge einzubauen, die Gewerkschaften würden Lohnforderungen von 6% und aufwärts stellen. Ich bin entsetzt, der IWF sollte aus den 70er Jahren wissen, was passiert, wenn Inflationserwartungen die Preise treiben! Sollte die wahre Antwort für diese "Schnapsidee" sein: der IWF sieht keine andere Möglichkeit, um von den Staatsschulden runterzukommen als Inflation??

Klaus Schrüfer, Leiter Investment Strategy SEB:

Der Vorschlag ist abzulehnen. Es gibt keine Argumente dafür, sondern viele dagegen. Bei einer Anhebung des Inflationsziels würde die Unsicherheit der Anleger zunehmen, wenn die Notenbanken einen höheren Inflationsspielraum hätten. Die Inflationserwartungen der Investoren würden sich erhöhen. Als Folge davon dürften auch die Lohnforderungen zunehmen. Können die Unternehmen sie nicht an die Nachfrage weiterreichen, würde das zu einer Schmälerung der Unternehmensgewinne führen. Zudem könnte die Inflationsmentalität wieder zunehmen. Gegen den Vorschlag spricht schließlich, dass die Notenbanken in der jüngsten globalen Finanz- und Wirtschaftskrise gezeigt haben, dass sie über ausreichend andere Möglichkeiten verfügen, um die negativen Effeke abzumildern und aktiv gegenzusteuern.

Alexander Krüger, Leiter Kapitalmarktanalyse Bankhaus Lampe:

Dank der Inflationsziele der Notenbanken ist die Inflation in den Industrieländern seit vielen Jahren unter Kontrolle. Entsprechend haben sich die Inflationserwartungen auf niedrigem Niveau eingependelt. Eine Anhebung der Inflationsziele brächte Nachteile für das Wirtschaften mit sich, die durch die entstehenden Vorteile bei weitem nicht aufgewogen werden. Selbst wenn man dem IWF-Vorschlag etwas Positives abgewinnen würde, so kommt er definitiv zum falschen Zeitpunkt. Eine Krise ist immer ein schlechter Zeitpunkt für gravierende Regeländerungen, da der Eindruck der Beliebigkeit der jeweiligen Ziele (hier: 2%, 4%) entsteht. Besonders in der aktuellen Situation, in der die Bevölkerung große Sorgen vor einem künftigen Inflationsschub hat, ist ein verlässlicher Anker unentbehrlich. Jedwede Zieländerungen würden derzeit wohl auch an den Finanzmärkten zu einem steigenden Misstrauen und zu einer höheren Unsicherheit führen.

Stefan Mütze, Leiter Konjunktur/Branchen Europa bei der Helaba:

Ich halte diesen Vorschlag nicht für sinnvoll. Mehr Inflation führt nicht - wie die siebziger Jahre gezeigt haben - zu einer besseren Situation am Arbeitsmarkt. So würden die Kapitalmärkte mit steigenden Zinsen reagieren, was nicht nur Investitionen erschwert. Auch ist fraglich, ob eine Inflationierung die Staatsdefizite abbauen helfen würde. Hiergegen sprechen die höheren Zinsen.

Anton Fischer, Chefvolkswirt MEAG:

Ich halte eine höhere Inflation aus folgenden Gründen im Regelfall für die ökonomisch falsche Option :

1.) Höhere Inflation schädigt die Mehrheit der Anleger:

Wird höhere Inflation nicht erwartet, fällt der reale Ertrag der Anlage.

Wird höhere Inflation erwartet, verursacht das Einpreisen dieser Inflation und eine steigende Risikoprämie entsprechende Wertverluste.

2.) Höhere Inflation ist "sozial ungerecht", weil Sie vor allem

Haushalte und Arbeitnehmer trifft die am Arbeitsmarkt niedrige Einkommen oder kleines Geldvermögen haben, oder die wie Rentner keine zusätzlichen Markteinkommen mehr generieren.

Spezialisierte Arbeitnehmer und bestimmte Schlüsselgruppen können höhere Inflation über steigende Lohnforderungen ausgleichen, Rentner, Transferempfänger und Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor werden hingegen real schlechter gestellt.

Haushalte mit hohen Vermögen können sich leichter durch Realwerte schützen.

3.) Höhere Inflation gefährdet die Glaubwürdigkeit der Zentralbank und birgt rasch das Risiko einer Inflationsspirale.

4.) Höhere Inflation ist kein Weg um eine real erforderliche Anpassungslast zu senken, sie dient lediglich dazu, die reale nötige Anpassungslast und die damit verbundenen Umverteilungsmechanismen einer Volkswirtschaft zu verschleiern, sie über die Zeit zu strecken und u.a. Reallohnkürzungen leichter zu erreichen. Sie ist daher manchmal insbesondere bei verfahrenen politischen Situationen die drittbeste Lösung um überhaupt eine ökonomisch notwendige Anpassung zu erreichen. Aus diesen Erkenntnissen heraus wurde aber auch zu Recht die Unabhängigkeit der Zentralbanken verankert.

Ökonomisch gibt es meines Erachtens ein Argument, das dafür spricht: Wenn das Risiko zu hoch ist, dass die Inflation falsch gemessen wird und dann ein höheres Inflationsziel dazu beiträgt, den Sicherheitsabstand zur Deflation zu erhöhen. Vier Prozent erscheint mir dafür aber doch zu hoch.

Joachim Scheide, Leiter des Prognose-Zentrums am Institut für Weltwirtschaft:

Der Vorschlag hat keinen Vorteil, wohl aber Nachteile, die zum größten Teil sogar sehr gravierend sein können.

A. Zur "Begründung" bzw. den angeblichen Vorteilen:

Das Argument, wegen der Nullzinsgrenze könne die Geldpolitik nicht expansiv genug sein, ist falsch. Dieses Argument scheint in dieser Rezession zwar relevant zu sein. Aber erstens ist ein so starker Konjunktureinbruch nicht typisch. Und die Geldpolitik hat zweitens sehr wohl gezeigt, dass sie nicht machtlos oder wirkungslos ist, denn in dieser besonderen Situation hat sie richtigerweise mit nicht-konventionellen Maßnahmen zusätzliche Impulse gegeben.

B. Nachteile

1. Dass wir heute niedrige Inflationsraten haben, verdanken wir einem breiten Konsens in der makroökonomischen Forschung, den sich die wichtigen Notenbanken zu eigen gemacht haben. Damit einher ging ein erheblicher Wohlfahrtsgewinn für die Bürger gegenüber der Zeit, als die Raten hoch und zudem sehr volatil waren. Diesen Vorteil sollte man nicht einfach aufs Spiel setzen.

2. Man erhofft sich offenbar eine Entlastung bei den Staatsschulden, denn sie sinken real, wenn die Inflation anzieht. Aber das unterstellt, dass alle sehr kurzsichtig sind. Wird das Inflationsziel offiziell angehoben, steigen sofort (wahrscheinlich sogar schon vorher) die Zinsen entsprechend. Dasselbe gilt für die Löhne und alle anderen Preise. Der "Gewinn" für den Staat ist gering. Was macht man, wenn die Staatsverschuldung doch weiter deutlich zunimmt, entweder weil der Inflationsschub nicht ausreichte oder weil man nicht konsolideren will? Erhöht man das Inflationsziel nochmals? Und wenn alle damit rechnen, bleiben die Inflationserwartungen dann bei 4 Prozent? Es wird dann eine höhere Risikoprämie geben, und es kann sein, dass die Realzinsen dann sogar höher sind als derzeit. Dann hätte sich der erhoffte Vorteil zum (sehr teuren!) Nachteil verwandelt.

3. Inflationserwartungen und Glaubwürdigkeit der Notenbanken gehören eng zusammen. Es ist unvorstellbar, dass die EZB verkündet: "Wir erhöhen unser Ziel von knapp 2 auf 4 Prozent." Die Glaubwürdigkeit wäre dahin, und die Bürger würden wahrscheinlich den Rücktritt des EZB-Rats fordern. Wie glaubwürdig wäre das neue Ziel? In einem solchen Umfeld läge die Inflation dann auch mal bei 6 Prozent, wenn z.B. die Ölpreise anziehen usw. Kann man dann darauf setzen, dass die Notenbanken das neue Ziel auf jeden Fall einhalten?

Wer sich nicht an eine gute Regel (niedrige Inflation) hält, sondern sie kurzfristig ändert, dem wird man nicht mehr viel glauben. Und die Glaubwürdigkeit ist für die Wirtschaftspolitik extrem wichtig, wie man gerade jetzt an der debatte über die Staatsverschuldung sieht.


 

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