Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, warnt vor einer Kreditklemme. Die Verschärfung der Eigenkapitalvorschriften für Banken könnten die Geldhäuser dazu verleiten, weniger Darlehen an Unternehmen zu vergeben, sagte Draghi am Donnerstag in Berlin. "Kapitalerhöhungen sind in einem schwierigen Marktumfeld teuer und stoßen bei den Aktionären auf Widerstand. Vermögenswerte zu verkaufen, ist weniger wünschenswert, und eine Verringerung der Kreditvergabe an die Realwirtschaft ist noch schlimmer." Indirekt rief er die Aufsichtsbehörden auf, Letzteres zu verhindern: "Die Behörden sollten die Folgen für die Realwirtschaft abfedern."
Der EZB-Chef reagierte mit seiner Warnung auf die Pläne mehrerer Banken, die ab Mitte nächsten Jahres verbindliche Kernkapitalquote von neun Prozent durch eine Schrumpfkur zu erreichen. Die Neun-Prozent-Quote wird berechnet, indem das harte Kernkapital der Banken durch die Summe der risikogewichteten Vermögenswerte geteilt wird. Um die Quote zu verbessern, gibt es daher zwei Möglichkeiten: Die Vergrößerung des Zählers durch eine Kapitalaufstockung oder die Verkleinerung des Nenners durch Bilanzabbau.
Draghi hatte vor diesem Hintergrund schon vor einer Woche gemahnt, die nationalen Aufsichtsbehörden müssten "sicherstellen, dass die Umsetzung der Rekapitalisierungspläne der Banken nicht zu Entwicklungen führt, welche die Finanzierung der Wirtschaftstätigkeit im Euroraum beeinträchtigen". Diese Warnung findet sich auch im am Donnerstag veröffentlichten Monatsbericht der EZB wieder.
Da Kapitalerhöhungen angesichts der Unruhe auf den Aktienmärkten und tendenziell sinkender Einnahmen schwierig sind, bleibt vielen Banken nur die Bilanzverkleinerung. Ein Weg dorthin ist eine Einschränkung der Kreditvergabe an Unternehmen. So beschloss der Vorstand der
Commerzbank kürzlich, Kredite nur noch mit Bezug auf die Kernmärkte Deutschland und Polen zu vergeben. Die französische Bank
Crédit Agricole legte am Mittwoch einen umfassenden Sparplan vor, der auch eine Verringerung der Kreditvergabe vorsieht.
Kollektive Kapitallücke von 115 Mrd. Euro
Draghi empfahl den Banken eine Kürzung der an die Aktionäre ausgeschütteten Dividenden sowie der Bonuszahlungen an ihre Mitarbeiter. Das allein dürfte aber kaum reichen: Nach Berechnungen der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) müssen die 70 größten europäischen Institute bis Mitte nächsten Jahres 115 Mrd. Euro aufbringen, um die Kernkapitalquote von neun Prozent zu erfüllen.
Die EBA selbst hat bereits gewarnt, es könne nicht sein, dass die Institute anstelle von Kapitalerhöhungen ausschließlich auf Bilanzabbau setzten. Das wäre "eine erhebliche Gefahr" für die Wirtschaft, sagte Behördenchef Andrea Enria Anfang Dezember. Nach Auffassung der EBA dürften "nur geringfügige Aktionen zur Verminderung der Vermögenswerte" zugelassen werden.
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