Das Verbot ungedeckter Leerverkäufe von europäischen Schuldtiteln und Kreditderivaten (Credit Default Swaps, CDS) durch die deutsche Finanzaufsicht Bafin hat den Kapitalmarkt in Schockstarre versetzt. Der CDS-Handel trocknete am Mittwoch förmlich aus.
"Die regulatorische Unsicherheit hat den Kapitalmarkt in einen Fieberzustand versetzt", sagte Gavan Nolan, Vice President Research beim Finanzdatendienst Markit. "Die Liquidität ist gering, die Volatilität ist hoch." Investoren lösten Heding- und Short-Positionen auf. "Der Markt ist voll von Gerüchten. Gerade Unternehmen und Kreditinstitute, die in der Euro-Peripherie aktiv sind, werden abgestraft. Die Anleger scheinen wieder Angst vor einer Staatspleite zu haben", sagte Nolan.
Nachdem sich die Risikoaufschläge anfangs eingeengt hatten, weiteten sich im Handelsverlauf wieder aus. Der Index Itraxx SovW Western Europe, der Kreditderivate mehrerer europäischer Länder zusammenfasst, fiel um drei auf 121 Basispunkte. Besonders groß wurden die Geld-Brief-Spannen bei hellenischen CDS-Papieren. Der Aufschlag lag bei 600 Basispunkten, die Gebote lagen teilweise 100 Punkte auseinander. Bei Portugal fielen sie um zehn auf 280 Basispunkte, bei Irland um fünf auf 195 Basispunkte, bei Spanien um einen auf 180 Basispunkte. Allgemein verloren Finanzwerte. Der Index Itraxx Senior Financials wurde zehn Basispunkte weiter bei 158 Basispunkten gehandelt.
Am Dienstagabend hatte die Bafin überraschend mitgeteilt, ungedeckte CDS-Leerverkäufe auf europäische Anleihen vorübergehend zu untersagen.
Auch ungedeckte Aktien-Leerverkäufe wurden für Titel der
Aareal Bank ,
Allianz ,
Commerzbank ,
Deutsche Bank ,
Deutsche Börse ,
Deutsche Postbank , Generali Deutschland ,
Hannover Rück ,
MLP und Munich Re verboten. Die Vorschrift gilt bis zum 31. März 2011 und werde laufend überprüft, so die Bafin.
Der Markt reagierte umgehend. Der Euro fiel im asiatischen Handel in der Nacht auf bis zu 1,2144 $ und damit auf den tiefsten Stand seit dem 17. April 2006. Auch zum Yen gab die Gemeinschaftswährung nach. Im Verlauf pendelte die Notierung um die 1,22 $. Am Nachmittag deutscher Zeit erholte sich der Euro wieder leicht.
"Wenn man seine negative Sicht auf Vermögenswerte nicht ausdrücken kann, dann kann man das nur durch den Euro-Verkauf", sagte Geoffrey Yu, Währungsstratege bei
UBS. "Der Markt wundert sich, ob Deutschland etwas zu verbergen hat. Es sieht aber wie ein populistischer Schritt aus, der das Vertrauen in die europäische Politik unterminiert."
Der deutsche Aktienindex Dax startete mit einem Minus von 2,4 Prozent in den Handel und notierte bei 6010 Punkten. Gerade Finanzwerte lagen im Minus. Der Schritt belastete auch die US-Börsen. Der Dow Jones ging 1,1 Prozent leichter bei 10.511 Punkten aus dem Handel. Der breit gefasste S&P 500 verlor 1,4 Prozent auf 1121 Punkte. An der Nasdaq büßte der Composite-Index 1,6 Prozent auf 2317 Punkte ein. In Japan trug das Verbot zu einem Minus von 0,6 Prozent beim Nikkei bei, der bei 10.187 Punkten aus dem Handel ging. Die übrigen asiatischen Börsen verbuchten noch größere Abschläge.
Marktbeobachter halten die Kettenreaktion für folgerichtig. "Das dürfte die Unruhe an den Märkten erhöhen", sagte Adarsh Shina, Währungsstratege bei
Barclays Capital. "Die Anleger dürften den Eindruck gewinnen, dass hier Symptome und nicht Ursachen kuriert werden."
Investoren dürften alle Vermögenswerte verkaufen, die sie als Barometer für das Risiko europäischer Staatspleiten ansehen. Die Korrelation mit CDS-Kursen sei besonders hoch für Bankaktien in Europa und den USA und europäische Staatsanleihen. Ebenfalls betroffen seien voraussichtlich zyklische Anlagen wie der S&P 500, Rohöl, der australische Dollar sowie die schwedische Krone. Demgegenüber dürfte Gold als Sicherheit gefragt sein, sagte Shinha.
Empfehlen