Seine letzte Rede als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) hätte sich Jean-Claude Trichet wohl anders gewünscht. Die Berliner Humboldt-Universität hatte den Franzosen gebeten, zum Ende seines Mandats über die Weiterentwicklung der europäischen Integration zu sprechen.
Doch der 68-Jährige wurde von Demonstranten empfangen, die Plakate schwenkten mit Parolen wie "Sagt Nein zur Schuldentyrannei". Sein Vortrag über ein "neues Konzept der nationalen Souveränität" wurde unterbrochen von einer Zuhörerin, die wütend rief: "Wie lange müssen wir uns diese Lügen noch anhören?"
Typisch sind die Misstöne freilich nicht, obwohl die Politik der EZB seit Ausbruch der Krise durchaus umstritten ist. Alle Experten stimmen überein, dass Trichet große Verdienste um die Währungsunion hat. "Sein Beitrag war entscheidend dafür, dass Europa zusammenrückt und der Euro im ersten Jahrzehnt zur stabilen Währung wird", sagt stellvertretend für viele Alt-Bundesbankchef Hans Tietmeyer.
Dabei war Trichet als mächtiger Direktor des Pariser Schatzamts noch in den 1990er-Jahren ein Gegner der Notenbank-Unabhängigkeit. Doch der gewiefte Stratege verstand, dass die Stellung der Zentralbank und das Preisstabilitätsziel die Bedingungen waren, die die Deutschen für das Aufgehen der D-Mark im Euro stellten. Als erster Gouverneur einer unabhängigen Banque de France trieb Trichet Frankreichs politische Klasse mit seiner Unbeugsamkeit regelmäßig zur Weißglut. Schmähungen wie "Ayatollah des starken Franc" und "Tietmeyers Klon" waren für ihn Ritterschläge.
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