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Alexander Hamilton - Der Retter Amerikas

Alexander Hamilton - Der Retter Amerikas
18.12.2014 20:00:00

Der Mann, der vor über 200 Jahren bei einem Duell in New York starb, gilt heute als Vorbild für die Lösung der Schuldenkrise in der Europäischen Union. Er war einer der Gründungsväter und der erste Finanzminister der Vereinigten Staaten. Er schaffte es, das Finanzchaos nach dem Ende des Unabhängigkeitskriegs zu beenden. Ohne seine visionären Taten hätte es die spätere Weltmacht Amerika nicht gegeben.

Hamilton war eines der ersten und berühmtesten Beispiele für das Versprechen des "American Dream". Jenes Glaubens, dass jeder, der hart arbeitet und für seine Ziele kämpft, Erfolg haben und ein gutes Leben führen kann.

Hamilton kam 1755 auf der Karibikinsel Nevis als uneheliches Kind zur Welt. Seine Mutter war die Tochter eines hugenottischen Auswanderers, der Vater ein schottischer Glücksritter, der seine Familie verließ, als Alexander zehn Jahre alt war. Kurz darauf starb die Mutter an einem tropischen Fieber. Der mittellose Junge, der von Pflegeeltern aufgezogen wurde, besuchte nie eine reguläre Schule. Aber er war intelligent, ehrgeizig und sehr belesen.

Sehr früh zeigte Hamilton unternehmerisches Geschick. Bereits als Zwölfjähriger arbeitete er für eine Handelsfirma und übernahm vier Jahre später sogar die Leitung des Unternehmens. Er soll - so zeigen es Dokumente aus jener Zeit - erstaunliche Managementfähigkeiten bewiesen haben. Sogar der Gouverneur der Insel und ein paar reiche Kaufleute wurden auf den begabten Jungen aufmerksam. Sie sammelten Geld für ein Stipendium. Hamilton schiffte nach New York ein - er sollte nie wieder in die Karibik zurückkehren.

Er schrieb sich in New York am King’s College ein, aus dem später die Columbia Universität hervorging, und studierte Rechtswissenschaften. Als die amerikanische Revolution ausbrach, kämpfte er für die Unabhängigkeit von der britischen Krone, brillierte bei Massenkundgebungen als polemischer Propagandist und schloss sich mit 20 Jahren einer der zahlreichen Milizen an.

George Washington, der Führer der Unabhängigkeitsbewegung, war schon früh auf Hamilton aufmerksam geworden. Als 1775 der Krieg zwischen den 13 nordamerikanischen Kolonien und den Truppen der britischen Krone losbrach, ernannte Washington, jetzt Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee, ihn zu seinem Stabschef.

Nach Kriegsende wurde Hamilton einer der prominentesten Rechtsanwälte Amerikas, einer der Wortführer in der verfassungsgebenden Versammlung und Autor der "Federalist Papers". Sie gehören zu den bedeutendsten Texten der modernen westlichen Demokratie. Die 85 Artikel, welche 1787 erschienen und die zur Abstimmung anstehende Verfassung verteidigten, sind ein Plädoyer für die repräsentative Demokratie und ein Gründungsdokument heutiger pluralistischer Gesellschaften.

Als George Washington zum ersten Präsidenten ernannt wurde, berief er Hamilton als Finanzminister in sein Kabinett. Der trug nicht nur maßgeblich zum Aufbau des Bankensystems bei, er beseitigte auch geschickt das Finanzchaos nach der Gründung der Vereinigten Staaten. Denn nach dem Unabhängigkeitskrieg und den daraus resultierenden Kriegsschulden war Amerika mehr oder weniger bankrott.

Fast wäre die Union am Geld gescheitert

25 Millionen Dollar Schulden hatten die 13 Kolonien an der Ostküste aufgehäuft. Damals sehr viel Geld. Hamiltons Strategie zur Lösung der Finanzkrise: Der Bund solle die Schulden der Einzelstaaten übernehmen und sich im Gegenzug mit der Verfügungsgewalt über die Zölle entsprechende Einnahmen schaffen. Aber damit stieß er zunächst auf den erbitterten Widerstand jener Staaten, die einen Teil ihrer Schulden bereits aus eigener Kraft getilgt hatten. Der Süden war nämlich aus dem Unabhängigkeitskrieg sehr reich hervorgegangen, während der Norden arm war. Vor allem Virginia, der wichtigste und reichste Südstaat, weigerte sich, den notleidenden Partnern zu helfen. Der Streit ums Geld schien die noch junge Union zu sprengen.

Jetzt schlug die große Stunde Hamiltons. Er wollte unbedingt einen Zahlungsausfall von Teilstaaten vermeiden, weil er um die Kreditwürdigkeit der jungen Republik fürchtete. Und er sah seinen Kampf auch als Mittel, den Zusammenhalt der ehemaligen Kolonien durch die Schaffung einer machtvollen Zentralregierung zu stärken.

Der geniale Redner Hamilton argumentierte mit Werten wie Gerechtigkeit, Patriotismus und nationale Ehre, so sein Biograf Ron Chernow. Die Schulden seien durch die Revolution verursacht worden. Und von ihr hätten schließlich alle Amerikaner gleichermaßen profitiert. Also müssten sie jetzt auch gemeinsam für die Verbindlichkeiten einstehen.

Geschickt verstand es der kühle Realpolitiker Hamilton, die Schuldenfrage mit der Hauptstadtfrage zu verbinden. Allzu gern hätte er sein New York zur neuen Hauptstadt gemacht. Beim "berühmtesten Abendessen der amerikanischen Geschichte", so Chernow, im Privathaus seines wichtigsten Gegenspielers James Madison, verhandelte Hamilton erfolgreich einen Kompromiss: Er bot Madison, der aus Virginia stammte, an, die neu zu gründende Hauptstadt direkt an der Grenze zu dem Staat anzusiedeln.

Es war ein genialer Schachzug. Madison gab seinen Widerstand auf und so kam es doch noch zum Bail-out der 13 Staaten durch die US-Regierung. Der Bund übernahm ihre sämtlichen Verbindlichkeiten und brachte sie in einen Altlastenfonds ein. Zugleich führte Hamilton Zölle ein und erhob Luxussteuern, etwa auf Spirituosen. Mit diesen Einnahmen zahlte der Finanzminister dann die Altlasten zurück.

"Ohne die Kehrtwende jenes Abends hätte es die spätere Weltmacht Amerika nicht gegeben. Erst die Zentralisierung der Haushaltspolitik, die Erschließung eigener Einnahmequellen für den Gesamtstaat schubste den Staatenbund der Kolonie in Richtung jenes Bundesstaats, wie wir ihn kennen", schrieb später die "FAZ".

Der Historiker Sean Wilentz von der Princeton-Universität lobt Hamilton sogar als "visionären Architekten der modernen, liberal-kapitalistischen Wirtschaft und Bild: interTOPICS/ddp images, 123RF, United Archives/mauritius images einer dynamischen Zentralregierung mit einer energischen Exekutive an der Spitze". Wirtschaftswissenschaftlern wie Hans- Werner Sinn vom Ifo-Institut fallen erstaunliche Parallelen zwischen den Problemen der heutigen Eurozone und den frühen USA auf. Die Gründerjahre der USA seien ein "attraktiver Präzedenzfall für das Europa von heute", zitierte "Der Spiegel" den Ifo-Chef. "Auf lange Sicht und in Analogie zu Hamiltons System wäre eine grundsätzlich reformierte Fiskalordnung erforderlich, die eine gemeinsame Verwaltung der Zolleinnahmen oder der Mehrwertsteuer vorsieht."

Hamiltons Stern begann zu sinken, nachdem George Washington sich aus der Politik zurückgezogen hatte. Sein Leben sollte tragisch enden: Bei einem Pistolenduell mit seinem politischen Rivalen, dem Vizepräsidenten Aaron Burr, wurde er am 11. Juli 1804 tödlich verletzt.

PEB


Bildquelle: Joshua Roberts/Reuters

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