Chinas Regierung steht vor einer gigantischen Herausforderung. Bereits heute lebt gut die Hälfte des 1,3-Milliarden-Volkes in Städten. Bis 2030 sollen weitere 230 Millionen Menschen in Ballungsräume ziehen. Deshalb will der Staat das Schienennetz bis 2050 auf eine Länge von 270 000 Kilometern mehr als verdoppeln. Die Schieneninfrastruktur soll nicht nur einen Verkehrkollaps verhindern, sie soll auch Chinas Wirtschaftsregionen stärker vernetzen und dadurch neues Wachstum schaffen.

Ehrgeizige Ziele, die in diesem Jahr dazu führten, dass die Regierungsausgaben für den Bahnbau bereits zweimal auf insgesamt 800 Milliarden Renminbi (umgerechnet 94 Milliarden Euro) erhöht wurden.

Sonderkonjunktur für Bahnaktien Für Aktien chinesischer Zug- und Gleisbauer ging es daher seit der Jahresmitte steil bergauf. Unternehmen wie die auf den Streckenbau fokussierte China Railway Construction Corporation (CRCC) oder die China Railway Group (CRG) legten um bis zu 45 Prozent zu. Aber auch der Zug- und Lokomotivenhersteller China South Locomotive & Rolling Stock (CSR) verbuchte seit Sommer einen Kursgewinn von 35 Prozent. Zwar befinden sich alle Unternehmen mehrheitlich in Staatsbesitz, doch an der Börse in Hongkong sind jeweils zwischen 14 und 20 Prozent der Aktien gelistet. Sämtliche Papiere werden zudem auch in Deutschland gehandelt. Vor dem starken Anstieg hatten die Aktien allerdings Verluste erlitten. Der Schwenk der chinesischen Regierung vom Infrastrukturaufbau hin zu einer verstärkten Förderung des Binnenkonsums hatte Ängste geschürt, dass die Bahnausgaben im Reich der Mitte künftig sinken könnten. Eine Annahme, die von der Citigroup nicht geteilt wird. Dafür hinke die Gleisabdeckung des Landes nach wie vor zu stark hinter der in den Industrienationen her, befinden deren Analysten. Stattdessen erwarten sie für 2015 einen Anstieg der Ausgaben im Bahnbereich auf rund eine Billion Renminbi - umgerechnet etwa 118 Milliarden Euro.



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Schienen für China

Davon sollten nach Meinung der Banker vor allem CRCC und CRG profitieren. Denn egal, ob Berge untertunnelt, Flüsse überbrückt oder Gleise gewartet werden müssen - in Sachen Bahntrassenbau gibt es nichts, was die beiden Konglomerate und deren Tochterfirmen nicht anbieten. Mit ihrem Leistungspektrum, das sich mittlerweile auch auf Straßen, Immobilienentwicklung oder Rohstoffabbau ausdehnt, haben beide das heutige Gleisnetz in China fast im Alleingang verlegt. Zusammen kommen die Komplettanbieter auf einen Marktanteil von knapp 90 Prozent.

Eine komfortable Position, die CRCC in den ersten sechs Monaten des Jahres einen Umsatz von 34 Milliarden Euro und einen Gewinn von 664 Millionen Euro einbrachte, während CRG bei Erlösen von 30 Milliarden Euro 573 Millionen Euro Profit einfuhr. Die Nettomargen liegen damit zwar nur bei mageren zwei Prozent, doch im Baugewerbe sind niedrige einstellige Renditen keine Seltenheit. Erst recht nicht, wenn statt Profitabilität das Umsatzwachstum im Fokus steht. Die Umsatzsteigerungen lagen zum Halbjahr bei beiden Konzernen im zweistelligen Prozentbereich.

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Zügig zum Weltmarktführer

Aber nicht nur mit Gleisverlegen lassen sich Gewinne erzielen. Auch der Bau von Triebwagen, Lokomotiven und Waggons hat in China Konjunktur. Dank der starken Nachfrage hat sich China South Locomotive & Rolling Stock zusammen mit seinem nordchinesischen Pendant China Northern Rail (CNR) zum Weltmarktführer entwickelt - mit einem Umsatz von knapp zwölf Milliarden Euro. Der Gewinn lag bei 552 Millionen Euro. Nun will die Regierung beide Konzerne fusionieren. Laut Medienberichten plane CSR, ein Übernahmeangebot für sämtliche CNR-Aktien abzugeben. Beide Aktien wurden daher vom Handel ausgesetzt. Sicherheitsbewusste Anleger sollten auch nach Wiederaufnahme des Handels mit dem Einstieg warten, bis alle Details der Übernahme bekannt sind.

Doch nicht nur die schiere Größe macht CSR interessant. Der Konzern baut Schnellzüge, die mit Geschwindigkeiten von mehr als 300 Stundenkilometern über Chinas Gleise rasen. Da die Strecken durch Sümpfe und Wüsten führen und die Bahnen sich bei Hitze, Kälte und Sturm bewährt haben, ist die Technik mittlerweile international begehrt und durchaus konkurrenzfähig.

Doch nicht nur die schiere Größe macht CSR interessant. Der Konzern baut Schnellzüge, die mit Geschwindigkeiten von mehr als 300 Stundenkilometern über Chinas Gleise rasen. Da die Strecken durch Sümpfe und Wüsten führen und die Bahnen sich bei Hitze, Kälte und Sturm bewährt haben, ist die Technik mittlerweile international begehrt und durchaus konkurrenzfähig.

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Expansion und Bahndiplomatie

Unterstützung bekommen die Konzerne bei ihrer Expansion von oberster Stelle. Von chinesischen Medien wird Ministerpräsident Li Keqiang bereits als "oberster Handlungsreisender in Sachen Bahn" bezeichnet. Dank der Schützenhilfe setzen die chinesischen Firmen von Laos bis Nicaragua ein milliardenschweres Bahnprojekt nach dem anderen um. Li schreckt daher auch nicht vor Mammutaufgaben zurück - etwa eine Bahntrasse quer durch die Anden, von Perus Pazifikstränden bis zu Brasiliens Atlantikküste. Das auf zehn Milliarden Dollar taxierte Projekt ist im Vergleich zu Lis Seidenstraße-Plänen jedoch noch eher klein. Der Premier will eine Bahnverbindung von China in die Türkei bauen und hat für dieses Projekt bereits 40 Milliarden Dollar bereitgestellt.

Finanzielle Schützenhilfe wie diese ist eines der Erfolgsgeheimnisse von Li Keqiangs Bahndiplomatie. Denn die chinesischen Bahnunternehmen unterbieten nicht nur die Preise ihrer westlichen Konkurrenten meist um die Hälfte, der Staat liefert die passenden Finanzierungspakete gleich mit. Vor allem in Entwicklungsländern hat China damit meist die Nase vorn. Für Wettbewerber wie Alstom, General Electric oder Bombardier könnte im Kampf um Neuaufträge der Zug damit bald abgefahren sein.

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