03.01.2016 15:06:59

Demonstranten stürmen saudiarabische Botschaft im Iran


- von Sam Wilkin und Angus McDowall

Dubai/Riad (Reuters) - Nach der Hinrichtung eines prominenten schiitischen Geistlichen und Regimekritikers in Saudi-Arabien droht der Streit zwischen dem Königreich und dem Iran zu eskalieren.

Aufgebrachte Demonstranten stürmten in der Nacht zum Sonntag die saudiarabische Botschaft in Teheran. Der oberste geistliche Führer Irans, Ajatollah Ali Chamenei, drohte den Politikern des sunnitischen Saudi-Arabien mit der Rache Gottes, die einflussreichen Revolutionsgarden dem Königshaus mit einer "scharfen Vergeltung". International löste die Exekution des Predigers Nimr al-Nimr Besorgnis aus, dass die Spannungen zwischen den Religionsgruppen in der Golf-Region weiter angeheizt werden könnten. Nimr war am Samstag in Saudi-Arabien neben 46 anderen Personen wegen Terrorismus oder Anstiftung zur Gewalt exekutiert worden. Es war die größte Massenhinrichtung in dem Land seit Jahrzehnten.

In Teheran brachen Demonstranten in die Botschaft Saudi-Arabiens ein, legten Feuer und zertrümmerten Mobiliar. Kurz darauf wurde das Gebäude von Polizisten geräumt. Der Staatsanwaltschaft zufolge wurden 40 Personen festgenommen. Nach dem Zwischenfall rief die Regierung des schiitischen Iran zur Mäßigung auf. Die Angreifer auf die Botschaft in Teheran und ein Konsulat im Nordosten müssten strafrechtlich verfolgt werden, sagte Präsident Hassan Ruhani Staatsmedien zufolge. Die Hinrichtung von Nimr kritisierte auch Ruhani heftig und bezeichnete sie als unmenschlich. Protestdemonstrationen gegen die Hinrichtung Nimrs gabe es auch in dessen vorwiegend schiitischer Heimatregion Katif sowie in Bahrain.

Saudi-Arabien und der Iran ringen um die Vormachtstellung in der Region. Während sich das Königreich als Schutzmacht der Sunniten sieht, betrachtet sich der Iran als Interessenvertreter der Schiiten.

CHAMENEI VERGLEICHT SAUDI-ARABIEN MIT IS

Saudi-Arabien sah es als erwiesen an, dass Nimr hinter Anschlägen in dem Land stand. Für den Iran war der entschiedene Kritiker der Führung in Riad ein wichtiger Verfechter der Rechte der schiitischen Minderheit. Die meisten der am Samstag Hingerichteten waren sunnitische Extremisten. Nach Einschätzung von Beobachtern zielten die Tötungen darauf ab, Saudiaraber davor abzuschrecken, sich Islamistengruppen anzuschließen. Saudi-Arabien war in den vergangenen Jahren immer wieder Ziel von Bombenanschlägen und Attentaten militanter Sunniten, die die Königsfamilie stürzen wollen. Auch der IS hat wiederholt zu Anschlägen im Königreich aufgerufen.

Der geistliche Führer im Iran verglich das Königreich Saudi-Arabien mit der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS). Auf der Internet-Seite von Ajatollah Chamenei war ein Bild eines saudiarabischen Henkers neben dem als "Dschihadi John" bekanntgewordenen IS-Extremisten zu sehen. Das Foto trug die Unterzeile: "Irgendwelche Unterschiede?" Dem inzwischen vermutlich getöteten "Dschihadi John" wird die Enthauptung mehrerer westlicher Geiseln zur Last gelegt.

Der Iraq stellte eine von Saudi-Arabien initiierte islamische Anti-Terror-Allianz infrage. Dem Bündnis sollen 34 Länder angehören. Es soll nicht nur gegen den IS, sondern gegen jegliche Form des Terrorismus vorgehen. Führende Politiker forderten, die Beziehungen des vorwiegend schiitischen Landes mit Saudi-Arabien zu kappen. Großajatollah Ali al-Sistani verurteilte die Hinrichtung von Nimr als "ungerechtfertigte Aggression."

International wurden Befürchtungen laut, dass die Lage in der Region eskalieren könnte. Das US-Außenministerium erklärte, der Tod von Nimr drohe religiöse Spannungen zu einer Zeit zu verschärfen, in der sie dringend abgebaut werden müssten. Ähnlich äußerten sich die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini und die Bundesregierung.

In Deutschland forderte die Opposition einen Stopp von Rüstungsexporten nach Saudi-Arabien. Wirtschaftsinteressen und Rüstungsexporte dürften nicht länger wichtiger sein als die menschenrechtliche Glaubwürdigkeit Deutschlands und der EU, sagte Grünen-Vorsitzender Cem Özdemir. Der Chef der Linkspartei, Bernd Riexinger, forderte die Einstellung von Waffenlieferungen in das Königreich. Die deutschen Waffen würden nicht nur in Kriegen eingesetzt, sonder dienten auch der Repression nach Innen.

Die USA appellierten an die Staats- und Regierungschefs der Golf-Region, ihre Bemühungen zu verdoppeln, um zu einer Deeskalation der Lage beizutragen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief die rivalisierenden Religionsgruppen zur Zurückhaltung auf. Alle Verantwortlichen in der Region müssten zu einem Abbau der Spannungen beitragen, forderte er.

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