Um sich fit zu halten, joggt Ulf Schneider regelmäßig an der Uferpromenade des Genfer Sees in Vevey. Der Stammsitz des Traditionskonzerns Nestlé ist seit vergangenem Jahr die neue Heimat des gebürtigen Rheinland-Pfälzers. Der ehemalige Chef des Gesundheitskonzerns Fresenius, der sich neuerdings Mark Schneider nennt, soll den schwächelnden Nahrungsmittelriesen wieder auf Trab bringen. Das sei, "als ob man einen Lauf absolviert und gleichzeitig Diät halten muss", beschreibt der passionierte Läufer die Herausforderung.

Ob Nesquik-Kakao, Süßigkeiten wie Smarties oder Kitkat, Maggi-Fertiggerichte oder Wagner-Tiefkühlpizzen - fast jeder hat hierzulande schon mal ein Nestlé-Produkt in seinen Einkaufswagen gelegt. Und doch sind die weltweit bekannten Marken des Konzerns kein Garant mehr für stabile Wachstumsraten.

Seit 2010 stagniert der Umsatz des größten Nahrungsmittelkonzerns der Welt bei knapp 90 Milliarden Schweizer Franken, umgerechnet knapp 84 Milliarden Euro. Der Gewinn schrumpfte in den vergangenen drei Jahren gar auf zuletzt 8,5 Milliarden Franken, rund 7,9 Milliarden Euro. Zwar trug der starke Schweizer Franken zuletzt zu der schwachen Entwicklung bei. Doch es gibt einen anderen wichtigen Grund für die mauen Geschäftszahlen: Immer mehr Konsumenten achten auf eine gesunde Ernährung. Gerade kaufkräftige Kunden entscheiden sich zunehmend für Bioprodukte oder regionale Lebensmittel. Die meisten Nestlé-Marken fallen nicht in diese Kategorie.

Ziele verfehlt



Dabei hatte schon Schneiders Vorvorgänger Peter Brabeck-Letmathe vor mehr als zehn Jahren die Devise ausgegeben, Nestlé müsse vom Nahrungsmittelhersteller zum Gesundheitskonzern werden und Lebensmittel anbieten, die vor Alzheimer, Diabetes und Übergewicht schützen. NHW lautet seither die Zauberformel der Schweizer. Die drei Buchstaben stehen für die englischen Begriffe Nutrition, Health, Wellness, zu Deutsch Ernährung, Gesundheit und Wohlbefinden. Doch Nachfolger Paul Bulcke agierte zu zögerlich. Das als "Nestlé-Modell" titulierte Dauerziel, aus eigener Kraft fünf bis sechs Prozent pro Jahr zu wachsen, erreichte er in seiner neunjährigen Amtszeit nur ein Mal. Auch 2017 ist diese Zahl außer Reichweite. Der neue Konzernchef Schneider rechnet mit einem organischen Wachstum von 2,6 Prozent. Erst ab 2020 werde wieder ein "mittleres einstelliges Wachstum" erreicht.



Preis für Wachstum



Schneider soll es richten. Dem langjährigen Fresenius-Chef wird zugetraut, das Ruder des träge gewordenen Konzerns herumzureißen. Wie groß die Verzweiflung bei den Schweizern war, zeigt die Tatsache, dass zum ersten Mal seit 1922 ein unternehmensfremder Manager an die Konzernspitze geholt wurde. Der 52-Jährige gilt nicht nur als ausgewiesener Experte für den wachsenden Milliardenmarkt Gesundheit, sondern vor allem als äußerst erfolgreicher Manager. In den 13 Jahren, die Schneider Fresenius führte, vervierfachte er den Umsatz und verzwölffachte den Gewinn - auch dank seiner aggressiven Übernahmepolitik. Der Aktienkurs stieg um sagenhafte 1498 Prozent, 2009 erfolgte der Aufstieg in den deutschen Leitindex DAX. Das "Manager Magazin" bezeichnete ihn 2013 als den "besten Konzernlenker seiner Generation".

Wer jedoch hinter die Kulissen blickt, sprich in die Bilanz von Fresenius, sieht den Preis, den Schneider für das enorme Wachstum gezahlt hat. Durch die größtenteils kreditfinanzierten Milliardenübernahmen stieg der Schuldenberg von 5,1 Milliarden auf über 24 Milliarden Euro. Dass die Zukäufe keine Schnäppchen waren, kann man am Goodwill ablesen, der sich versiebenfachte. Die Kennzahl zeigt, welcher Aufpreis bei Übernahmen auf den Buchwert eines Unternehmens gezahlt wurde. Lässt sich dieser Wert nicht realisieren, drohen Abschreibungen, die das Eigenkapital empfindlich reduzieren können. Bei Schneiders Abgang überstieg der Goodwill das Eigenkapital (siehe €uro 6/2017). Ein Indiz, wie riskant seine damalige Einkaufstour war.

Die Nestlé-Investoren jedoch scheinen Schneider einiges zuzutrauen. Nicht nur der Börsenkurs, der seit der Vorstellung des neuen Chefs um fast 24 Prozent zugelegt hat, ist ein Indiz dafür. Auch der Einstieg des aktivistischen Hedgefonds Third Point (siehe auch Kasten links) Ende Juni kann als Vertrauensbeweis für den Neuen gewertet werden. Mehr als ein Fünftel des Fondsvolumens, umgerechnet über 3,3 Milliarden Euro, investierte dessen umtriebiger Gründer Daniel Loeb in einen 1,25-Prozent-Anteil an dem Schweizer Konzern. Das Engagement von Schneider sei eine "weise Entscheidung". Man sei "enthusiastisch", was die Erfolgsaussichten von Nestlé angehe, heißt es in einem offenen Brief der Investmentgesellschaft.

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Viele Probleme



Die Baustellen, um die sich der Deutsche kümmern muss, sind jedoch zahlreich. Nicht nur in etablierten Märkten wächst Nestlé langsamer. Auch in Schwellenländern, die lange für kräftige Zuwächse bei den Schweizern sorgten, normalisiert sich die Nachfrage. Immerhin scheinen die ärgsten Probleme, wie der Skandal um bleibelastete Maggi-Nudeln in Indien und eine verfehlte Produktpolitik beim Fertiggerichtehersteller Yinlu in China, überwunden. Die 2014 als Wachstumshoffnung zugekauften Hautpflegemarken dagegen haben die Erwartungen bislang nicht erfüllt. Hier hat der Konzern ebenso Nachholbedarf wie im Onlinegeschäft, das bislang nur knapp fünf Prozent zum Umsatz beisteuert.

Große Erwartungen



Dass auch Schneider nicht zaubern kann, zeigt der Ausblick bis 2020. So lange soll es dauern, bis Nestlé wieder sein langjähriges Wachstumsziel von fünf bis sechs Prozent erreicht. Zudem soll die bereinigte Gewinnmarge (Ebitda-Marge) von 15 auf 17,5 bis 18,5 Prozent steigen. Analysten kritisieren das als zu wenig ambitioniert, zumal Restrukturierungskosten herausgerechnet werden können. Konkurrenten wie Unilever wollen im gleichen Zeitraum 20 Prozent erreichen. Der Hedgefonds Third Point hatte ein Ziel von 18 bis 20 Prozent eingefordert. Doch Schneider betonte auf dem Investorentag Ende September in London, wie schwierig es sei, sowohl das organische Wachstum als auch die Marge zu steigern. Um den Aktionären die Übergangszeit zu versüßen, will der Konzern bis Ende 2020 Aktien im Wert von 20 Milliarden Schweizer Franken zurückkaufen.

Allerdings wäre es nicht das erste Mal, dass Schneider seine Ziele übererfüllt. Als Schüler überspringt er die zehnte Klasse des Gymnasiums. In Rekordzeit promoviert er an der Schweizer Eliteuniversität St. Gallen und sattelt später ein MBA-Studium in Harvard drauf. Mit 37 Jahren wird er Vorstandschef des Gesundheitskonzerns Fresenius. Als dieser in den DAX aufsteigt, ist Schneider der jüngste DAX-Chef. Bei Fresenius übertrifft er regelmäßig die eigenen Gewinnprognosen. Auch bei Nestlé kommt er bei der Restrukturierung einiger Einheiten schneller voran als geplant, wie er Mitte Oktober bei der Präsentation der Neun-Monats-Zahlen vermelden konnte.

Bei seiner Zukaufpolitik blieb sich Schneider in den ersten Monaten bei Nestlé jedenfalls treu - auch wenn er betonte, er wolle das organische Wachstum des Konzerns stärken. An neun kleinen und größeren Firmen hat der Manager sich seit seinem Amtsantritt im Januar beteiligt beziehungsweise sie komplett übernommen. Über das Gesamtvolumen bewahrt das Unternehmen Stillschweigen. Weitere Akquisitionen sind geplant.

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Ziel Marktführer



Vor allem aber die lukrativen Wachstumssegmente Kaffee (bekannte Nestlé-Marken Nescafé, Nespresso), Tierfutter (Felix), Babynahrung (Beba) und Wasser (Vittel, San Pellegrino) will Schneider stärken, kündigte er auf dem Investorentag an. Hier sollen die Schweizer Marktführer oder zumindest die Nummer 2 sein. Schon jetzt erzielt Nestlé mit diesen Geschäftsbereichen mehr als die Hälfte des Umsatzes - Tendenz weiter steigend. Dazu passen die jüngste Übernahme der Münchner Edel-Hundefutter-Firma Terra Canis und die Mehrheitsbeteiligung an der US-Kaffeekette Blue Bottle Coffee. Eine "zusätzliche Wachstumsplattform" soll das Gesundheitsgeschäft sein. Nicht verwunderlich also, dass Nestlé ein Interesse an der zum Verkauf stehenden Sparte für rezeptfreie Gesundheitsprodukte des deutschen Pharmaherstellers Merck nachgesagt wird. Und auch das Geschäft in den Schwellenländern soll wieder -angekurbelt werden. Im Gegenzug will Schneider unprofitable Geschäftsbereiche in einer Größenordnung von bis zu zehn Prozent des Gesamtumsatzes auf den Prüfstand stellen. Seit Mitte Juni untersucht das Unternehmen, ob das US-Süßwarengeschäft mit einem Umsatz von umgerechnet rund 840 Millionen Euro noch zur Strategie passt. Ein Verkauf gilt als wahrscheinlich.

Weitere Geschäftsbereiche könnten bald folgen. Schon 2016 wurden die Eismarken Schöller und Mövenpick ausgelagert. Als mögliche Verkaufskandidaten gelten auch die Wurstmarke Hertha sowie das Geschäft mit Tiefkühlpizzen und Süßwaren.

Fabelhaftes Investment



Nicht zum Verkauf stehe dagegen die 23-Prozent-Beteiligung am französischen Kosmetikkonzern L’Oréal, bekräftigte Schneider auf dem Investorentag. Der Anteil mit einem aktuellen Marktwert von fast 25 Milliarden Euro sei ein "fabelhaftes Investment", betonte er. Dieser habe Nestlé in den vergangenen 42 Jahren im Schnitt pro Jahr eine Rendite von zwölf Prozent beschert. Allein 2017 flossen fast 430 Millionen Euro Dividende in die Kasse. Geld, das der Manager für den Konzernumbau gut gebrauchen kann.

Den Verkauf hatte unter anderem Hedgefondsmanager Loeb verlangt. Der Erlös solle in Form von Aktienrückkäufen an die Investoren zurückfließen. Einige Medien und Analysten hatten gemutmaßt, das 20 Milliarden Franken schwere Programm sei eine Reaktion auf die Forderungen Loebs. Tatsächlich war der Rückkauf wohl schon seit Längerem geplant und von den Aufsichtsbehörden genehmigt. Zumal Nestlé auch schon früher im großen Stil Aktien zurückgekauft hat. In den vergangenen zehn Jahren insgesamt in einem Volumen von 43 Milliarden Schweizer Franken.

Trotzdem dürfte der Einstieg Loebs Schneider nicht ungelegen kommen. Dessen Forderung, die Produktivität zu steigern und das Portfolio beherzt umzubauen, verfolgt Schneider ohnehin. Der Druck durch den aktivistischen Investor könnte ihm helfen, den zuletzt behäbig agierenden Konzerns wachzurütteln.

Aktive Investoren: Angriff der Aktionäre



Immer häufiger geraten auch europäische Konzerne ins Visier aktivistischer Investoren.

Ihr Ziel sind höhere Aktienkurse. Um das zu erreichen, fordern aktivistische Investoren Aktienrückkäufe, den Verkauf von Unternehmensteilen oder die Zerschlagung von Konzernen. Investor Daniel Loeb (Foto), Gründer des US-Hedgefonds Third Point, etwa verlangt vom Nahrungsmittelkonzern Nestlé unter anderem, die Beteiligung am Kosmetikkonzern L’Oréal zu versilbern und einen milliardenschweren Aktienrückkauf zu starten. Auch deutsche Konzerne gerieten ins Visier aktivistischer Investoren. So geht der Investmentfirma Cevian der Umbau beim Industriekonzern Thyssenkrupp zu langsam. Sie fordert die Zerschlagung des Unternehmens. Die US-Gesellschaft Knight Vinke verlangt vom Energiekonzern Eon die Abspaltung des Netzgeschäfts. Der Hedgefonds Elliott will beim möglichen Verkauf der Eon-Tochter Uniper den Preis treiben und kassieren. Laut Analyse des Fachmagazins "Activist Insight" gab es in diesem Jahr 128 öffentliche Kampagnen -aktivistischer Investoren gegen Unternehmen in Europa. In Deutschland waren 17 Konzerne betroffen.