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Neues verdrängt Altes: Mit diesen Aktien investieren Anleger in die Zukunft

Neues verdrängt Altes: Mit diesen Aktien investieren Anleger in die Zukunft
06.09.2017 05:00:00

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"Viel mehr als Amazon oder Tesla"



Christian Jasperneite: Der Anlagechef von M. M. Warburg über ein Forschungsprojekt, Demut und die Systematik bei der Suche nach disruptiven Unternehmen

Ein Forschungsprojekt von Prof. Dr. Hanjo Allinger von der TH Deggendorf mit der M.M. Warburg ergab, dass bestimmte Daten Rückschlüsse auf disruptive Entwicklungen bei Firmen zulassen. Ein auf Basis eines Disruptions-Scores erstelltes europäisches Portfolio zeigt bei einer Performance-Rückrechnung bis Dezember 2002 eine deutlich bessere Wertentwicklung als der Index Stoxx Europe 600 (siehe Seite 6). Doch wie funktioniert dieser Ansatz? Wir sprachen mit Christian Jasperneite von M.M. Warburg.

BÖRSE ONLINE: Disruptive Aktien sind sehr gefragt. Registrieren Sie auch ein verstärktes Kundeninteresse an diesem Thema?


Christian Jasperneite: Keine Frage, in den vergangenen Monaten gab es Anfragen und einige wenige Kunden fordern eine stärkere Beachtung dieses Themas sogar geradezu ein.

Aktien mit disruptiver Kurssprengkraft zu entdecken, ist schwer. Gibt es eine Strategie, wie sich die Suche systematisieren lässt?


Wir halten wenig davon, mit einem "klassischen" Instrumentarium vorzugehen. Als Analyst oder Portfoliomanager ist man geschult, Unternehmen mit hoher Bilanzqualität, günstiger Bewertung und stabilem Geschäftsmodell zu selektieren. Beim Thema Disruption geht es aber um etwas anderes. Letztlich haben wir es immer dann mit einer disruptiven Entwicklung zu tun, wenn Produkt- oder Prozessinnovationen vorliegen, die Unternehmen signifikant verändern. Es ist aber schon schwer, das Potenzial von Produkt- oder Prozessinnovationen einzuschätzen. Richtig schwer wird es, die Firmen zu identifizieren, die davon profitieren werden. Oftmals verstehen selbst die betroffenen Unternehmen am Anfang nicht genau, dass sie sich in einem solchen Prozess befinden. Aus diesem Grund haben wir darauf verzichtet, einen klassischen Selektionsansatz zu wählen. Stattdessen untersuchen wir Unternehmenskennzahlen direkt auf Disruption.

Wie gehen Sie da vor?


Unsere These ist einfach: Wenn sich ein Unternehmen in einer disruptiven Phase befindet, muss sich dies auch in heftigen Strukturverschiebungen von Bilanzkennzahlen zeigen, die für solche Unternehmen typisch sind. Genau danach suchen wir. Damit antizipieren und spekulieren wir nicht, sondern reagieren erst dann, wenn sich die ersten "Beweise" der Frühphase einer disruptiven Entwicklung zeigen. Das machen wir extrem systematisch. Eine qualitative Einschätzung findet erst ganz am Ende des Prozesses statt: Wir "entfernen" Unternehmen von unserer Kaufliste, die ganz offensichtlich nicht von disruptiven Prozessen profitieren, sondern beispielsweise nur aufgrund eines Unternehmensverkaufs einen Strukturbruch in den Kennzahlen aufweisen.

Nicht bei allen Unternehmen in Ihrer Auswahl erschließt sich sofort der disruptive Charakter. Können Sie anhand von Adidas erläutern, wie Ihr Vorgehen funktioniert?


Ihre Reaktion ist typisch. Natürlich könnte ich jetzt schöne und werbewirksame Geschichten erzählen, dass Adidas die Sohlen von hochwertigen Sportschuhen mit einem sehr innovativen und weltweit wirklich einmaligem 3-D-Drucker-Prinzip herstellt. Und zwar mit einer Geschwindigkeit, die für 3-D-Drucker bisher unvorstellbar war. Die Wirklichkeit ist aber die, dass Adidas einfach einen sehr hohen Disruptions-Score in der Kennzahlenanalyse aufweist. Das führt auch dazu, dass wir keine Branchen ausschließen oder bevorzugen. Disruptive Entwicklungen können Branchen betreffen, die man gar nicht auf dem Radar hatte. Beispielsweise ist nicht ausgeschlossen, dass die zunehmende Verfügbarkeit von künstlicher Intelligenz mittelfristig Beratungsdienstleistungen im Finanzsektor umkrempeln wird. Disruption ist viel mehr als nur Amazon oder Tesla.

Unternehmen wie Amazon oder Tesla sind optisch hoch bewertet. Gibt es einen Ansatz, um den fairen Wert zu ermitteln?


Bei Aktien von disruptiven Firmen ist es fast per Definition unmöglich, eine faire Bewertung zu finden - das macht schon konzeptionell gar keinen Sinn. Deswegen schauen wir auch nicht auf die Bewertung.

Hat Ihr Forschungsprojekt Hinweise darauf ergeben, unter welchen Rahmendaten disruptive Unternehmensaktien an der Börse gut beziehungsweise weniger gut laufen?


Das ist eine sehr gute Frage. Wir haben uns in der Tat auch mit diesem Sachverhalt beschäftigt. Wir ordnen allen Unternehmen auf Basis unserer dynamischen Kennzahlenanalyse einen Disruptions-Score zu. Wenn auffallend viele Firmen gleichzeitig eine Verschlechterung im Score aufweisen, ist große Vorsicht geboten. Da spräche dann viel dafür, auf diese Art der Selektion zu verzichten oder sogar grundsätzlich die Aktienquote zu reduzieren. Aktuell gibt es dafür aber keine Anzeichen. In der Vergangenheit sind solche Phasen stark fallender Disruptions-Scores oftmals mit Rezessionen einhergegangen.

Gibt es Bereiche, die momentan sehr gehypt oder zu Unrecht vernachlässigt werden?


Wir sind hier mit viel Demut ausgestattet. Wir halten uns an Fakten, aber wir haben nicht den Anspruch, einen Hype als solchen zu identifizieren oder vermeintlich chancenreiche Sektoren als Erste zu entdecken. Wenn Unternehmen innerhalb weniger Monate signifikante Verbesserungen in Bilanzkennzahlen aufweisen, dann werden sie gekauft, und wenn dieser Trend ausläuft, dann werden sie verkauft. Das ist vielleicht weniger spannend, aber es funktioniert.

Haben Sie Pläne, Ihre Forschungsergebnisse in einem Anlageprodukt umzusetzen?


Ja, wenn wir unsere Forschungsphase abgeschlossen haben. Im Moment gibt es noch viel zu entdecken. Das mag überraschen, da die Analyse von Bilanzkennzahlen ein alter Hut ist. Das gilt aber vor allem für die Analyse der Niveaus von Kennzahlen. Aber kaum einer hat sich bisher darauf konzentriert, die Dynamik dieser Kennzahlen und damit die Veränderungen im Zeitverlauf genau unter die Lupe zu nehmen. Vielleicht liegt das auch daran, dass hier wegen der Zeitreihenanalysen ein gewaltiges Datenvolumen durchforstet werden muss. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass wir im nächsten Jahr mit einem Fonds an den Start gehen werden. Qualität geht aber auch hier vor Schnelligkeit!

Auf Seite 6: Veränderung auf einen Blick



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