Am Aufbau der Steckdose hat sich seit einer gefühlten Ewigkeit nichts mehr geändert: Mit ihren zwei Öffnungen in der Horizontalen und den oben und unten angebrachten Klammern ist sie in Wohnungen und öffentlichen Gebäuden eine zuverlässige Stromquelle. Derweil spielt sich hinter dieser unscheinbaren Konstruktion aus Kunststoff und Metall eine Revolution ab. Wer heute den Stecker in die Dose einführt, hat gute Chancen, sein Gerät mit Strom aus einer erneuerbaren Energiequelle zu elektrifizieren. 2016 steuerten Wind, Sonne, Wasser und Geothermie nahezu 30 Prozent zur Stromerzeugung in Deutschland bei. Dagegen beläuft sich der Anteil der Kernkraft nur noch 13 Prozent (siehe "Auf einen Blick" Seite 3). Zur Zeit der Jahrtausendwende kam noch nahezu jede dritte Kilowattstunde aus einem Atommeiler.

Im Epizentrum der Energiewende stehen die Versorger. Mit der Entscheidung für den Atomausstieg hat der Bundestag am 30. Juni 2011 in diesem Wirtschaftszweig sprichwörtlich den Stecker gezogen. Mittlerweile haben sich die beiden heimischen Branchenvertreter Eon und RWE komplett neu aufgestellt. Erstgenanter Konzern gliederte seine konventionellen Kraftwerke aus und brachte sie mit der Tochter Uniper an die Börse. Derweil ist mit Innogy das Ökostromgeschäft von RWE seit Oktober 2016 auf dem Kurszettel zu finden. Nachdem der bilanzielle Kehraus den beiden DAX-Konzernen in den vergangenen Jahren Milliardenverluste bescherte, trägt der Strategieschwenk mittlerweile erste Früchte.

Warmer Geldregen



Eon möchte 2017 beim Nettogewinn den Turnaround schaffen und stellt einen Überschuss von 1,20 bis 1,45 Milliarden Euro in Aussicht. Vorstandschef Johannes Teyssen sieht die Zukunft des Unternehmens vor allem im Ausbau der Bereiche Ökostrom, Elektromobilität sowie Digitalisierung. Im kommenden Frühjahr möchte er dazu konkrete Pläne vorstellen. "Wir haben den finanziellen Spielraum, um in neues Wachstum zu investieren", gibt sich Teyssen selbstbewusst. In der Tat ist der Schuldenberg bei Eon im ersten Halbjahr um rund fünf Milliarden auf 21,5 Milliarden Euro geschrumpft. Nachdem der Stromkonzern im Frühjahr über eine Kapitalerhöhung 1,35 Milliarden Euro einsammeln konnte, sorgte das Bundesverfassungsgericht Anfang Juni für einen weiteren Geldregen, indem es die zwischen 2011 und 2016 erhobene Brennelementesteuer für verfassungswidrig erklärte. Der Bund musste daher inklusive Zinsen rund 3,3 Milliarden Euro an Eon überweisen.

RWE hat 1,7 Milliarden Euro zu Unrecht an den Fiskus abgedrückt. Einen Teil davon möchte der Essener Konzern an die Aktionäre weiterreichen. Die Hauptversammlung 2018 soll eine Sonderdividende von 1,00 Euro je Aktie beschließen. Da RWE zudem für das laufende Geschäftsjahr eine reguläre Gewinnbeteiligung von 0,50 Euro je Anteilschein plant, lockt der Large Cap nun mit einer stattlichen Dividendenrendite von 7,1 Prozent. Nach Jahren im Abwärtstrend ragt die RWE-Stammaktie nicht nur als "Dividendenhit" aus dem DAX heraus. Sie führt auch mit einem Plus von 78 Prozent das 2017er-Performance-Ranking an. Neben der Sonderausschüttung sprechen die jüngsten Zahlen für eine Fortsetzung der Aufholjagd: Im ersten Halbjahr verbesserte der Versorger das operative Ergebnis um sieben Prozent auf 3,2 Milliarden Euro. Vorstandschef Rolf Martin Schmitz erhöhte daraufhin die Prognose. Vor allem das Geschäft in der europäischen Stromerzeugung sorgt für Optimismus. "Margen und Einsatzzeiten der Gaskraftwerke liegen über den Erwartungen", erklärt Schmitz.

Auf Seite 2: Konsolidiert der Energiesektor?





Konsolidiert der Energiesektor?



Vielleicht spielt RWE demnächst eine aktive Rolle bei der im europäischen Versorgersektor möglichen Konsolidierung. Die Essener könnten dabei sowohl auf der Verkäufer- als auch der Käuferseite agieren. Was die Beteiligung an Innogy anbelangt, wiegelte der Konzernchef bei der Vorlage der Halbjahreszahlen ab: "Wir stehen nicht unter Verkaufsdruck." Gleichwohl schließt Schmitz die Trennung von weiteren Aktien nicht aus. Derweil plant Eon den Ausstieg bei Uniper. Ab 2018 soll die Restbeteiligung versilbert werden. Möglicher Interessent: RWE.

Ungeachtet dessen könnte das DAX-Duo selbst ins Visier der Konkurrenz oder kapitalstarker Infrastrukturfonds geraten. Trotz der jüngsten Kursrally zählen RWE und Eon in Europa nicht mehr zu den absoluten Branchenschwergewichten.



An der Spitze steht Enel: Der italienische Versorger gilt auch als Vorreiter, was die Transformation zum Ökostromproduzenten anbelangt. Enel verfügt über ein regeneratives Portfolio mit einer Kapazität von 37 Gigawatt. Der Großteil davon entfällt auf die schwerpunktmäßig in Südamerika angesiedelten Wasserkraftwerke des Konzerns. Zum Vergleich: Die RWE-Tochter Innogy bringt es auf rund ein Zehntel der Ökostrommenge des Branchenriesen.

Obwohl in den vergangenen Monaten vor allem die Trockenheit auf der iberischen Halbinsel die Marge belastete, hält Enel an der mittelfristigen Prognose fest. Das Management stellt für das laufende und die kommenden beiden Jahre jeweils ein prozentual zweistelliges Gewinnwachstum in Aussicht. Claudia Introvigne, Analystin bei Kepler Cheuvreux, hält es für möglich, dass Enel die Ziele schon bald erhöht. Sie verweist auf die trotz der schwierigen Witterungsverhältnisse erreichten Resultate und die finanzielle Schlagkraft des Konzerns. Konsequenterweise zählt Enel deshalb auch zu den Favoriten von Kepler Cheuvreux aus dem europäischen Versorgersektor.



Auf Seite 3: Versorger auf einen Blick