Verdi kämpft mit der Flucht aus den Banken-Tarifen

Verdi kämpft mit der Flucht aus den Banken-Tarifen
08.02.2017 15:56:55

Frankfurt (Reuters) - Der Umbruch in der Bank- und Versicherungsbranche höhlt die Tarifverträge nach Ansicht der Gewerkschaft Verdi immer mehr aus.

Nur noch 49 Prozent der Beschäftigten bei privaten und öffentlichen Banken fielen unter den Flächentarif, räumte der Bundesfachgruppenleiter Banken, Jan Duscheck, am Mittwoch in Frankfurt ein. "Die Banken sind noch drin - die Mitarbeiter immer weniger." Die Gewerkschaft will deshalb das Tarifwerk in den nächsten zwei Jahren reformieren. Die Tätigkeits-Profile, die den Gehaltsstufen zugrundeliegen, stammten zumeist aus den 1970er und 1980er Jahren und passten nicht mehr zur Realität in vielen Häusern, sagte Duscheck. Viele Banken zahlten deshalb Gehälter außerhalb des Tarifs - und verlangten dafür längere Arbeitszeiten.

Für die Gewerkschaft ist die Reform ein Balanceakt. Denn die zunehmende Automatisierung macht viele manuelle Tätigkeiten in den Banken und Versicherungen überflüssig. Verdi wehrt sich aber gegen Bestrebungen der Banken, den Mitarbeitern deshalb weniger Geld zu zahlen. "Die Anforderungen an die Beschäftigten steigen reell", sagte Duscheck.

Bei der Deutschen Bank verhandelt Verdi derzeit darüber, ob die 400 Mitarbeiter in den Beratungszentren, die das Haus aufbaut, auch samstags am Telefon mit den Kunden sprechen dürfen. Bisher verbiete das der Tarifvertrag. Bis Ende März duldet Verdi die Beratung am Wochenende, in den Gesprächen will die Gewerkschaft im Gegenzug 30 Prozent Zuschlag und eine um drei Stunden geringere Wochenarbeitszeit erzwingen.

HÄNGEPARTIE UM DIE POSTBANK

Bei der Deutsche-Bank-Tochter Postbank und der Bausparkasse BHW geht es um den Erhalt der Arbeitsplätze. Verdi strebt in den Verhandlungen über einen Haustarif für die 18.000 Postbanker an, die am 6. April beginnen, den Kündigungsschutz bis Ende 2022 verlängern. Vor zwei Jahren hatte sie nur einen Verzicht auf Kündigungen bis Juni 2017 erstreikt. Solche Zusagen könnten die Verhandlungen der Deutschen Bank mit einem möglichen Käufer der Postbank stören. Das größte deutsche Geldhaus hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie die Postbank in diesem Jahr an den Mann bekommt.

Verdi-Bundesvorstandsmitglied Christoph Meister kritisierte die Hängepartie. Die Postbank-Mitarbeiter seien verunsichert. Das lähme das Unternehmen. "Selbst nach Monaten der Unsicherheit wissen sie noch nicht, ob es zu einem Verkauf, einem Börsengang oder einer Reintegration in die Deutsche Bank kommen wird." Für die Belegschaft sei der Kündigungsschutz wichtiger als die fünf Prozent mehr Gehalt, die Verdi fordert. "Eine Reintegration wäre extrem arbeitsplatzbedrohend", warnte Meister. Aber auch beim Verkauf an einen Finanzinvestor drohten drastische Einsparungen. Dabei habe der Personalabbau "seine Grenzen erreicht, wenn nicht sogar überschritten". Vielfach müssten Postbank-Filialen aus Personalmangel tageweise schließen.

Bei den Volks- und Raiffeisenbanken bekommt Verdi seit zehn Jahren keinen Fuß mehr in die Tür. Die Arbeitgeber dort haben Tarifverträge mit den konkurrierenden Gewerkschaften DBV und BHV abgeschlossen. Nun sieht Meister einen Hoffnungsschimmer. Verdi habe sich mit dem Arbeitgeberverband angenähert - auch dank des Tarifeinheitsgesetzes, das einheitliche Tarifverträge in Firmen fördert. Ende des Jahres soll es ein Spitzengespräch geben, dann könnten Tarifverhandlungen folgen. "Das wird kein einfacher Prozess", räumte Meister ein.

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